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Auch Jungen tanzen gern Ballett - Johannes Goldbach und David Lukas Hemm besuchen die Palucca Hochschule Dresden

Auch Jungen tanzen gern Ballett - Johannes Goldbach und David Lukas Hemm besuchen die Palucca Hochschule Dresden

Ich komme mir vor wie in einem Stammes-Ritual. Gut 30 junge Leute stehen im Kreis, dazu erklingt der schnelle Rhythmus einer Trommel, immer wieder klatschen, stampfen oder singen einige von ihnen mit.

Und immer wieder schnellt jemand in die Mitte des großen Kreises und beginnt zu tanzen. Eins, zwei, drei, vier. Ich spüre einen eigenen Drang, mitzuklatschen oder gar mitzutanzen. Ich traue mich nicht, stattdessen schaue ich den Tänzern weiter zu.

Ich befinde mich in der Improvisationsklasse von Jarek Cemerek in der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Der tschechische Tanzpädagoge gibt nur wenige Anweisungen, die Schüler setzen diese ganz individuell um. Sie entwickeln Ideen, Bewegungen, Formen. Es macht wahnsinnig Spaß, ihnen dabei zuzuschauen.

Ein Drittel der Klasse sind Jungs. Und auf den Gängen der Hochschule treffe ich ständig auf junge Tänzer. Aber ich vermute, dass bei einigen jetzt die typischen Klischees im Kopf herumgeistern: "Der ist doch schwul!" Oder: "Das ist doch kein richtiger Mann!" Bei solchen Sätzen muss ich an meine Kindheit denken. Ich hatte auch Ballettunterricht - in einer reinen Mädchengruppe. Kein Junge hat sich auch nur in die Nähe von uns Tutu-tragenden Mädels getraut, geschweige denn, uns gefragt, was man denn da überhaupt so mache. Jungs spielten Fußball, basta.

"Gibt es solche Klischees heute überhaupt noch?" Eileen Mägel, die Pressesprecherin der Hochschule, schaut mich verwundert an und lacht. "Ich dachte, so was ist schon längst aus der Welt geräumt worden." Und sie bestätigt, dass der Jungsanteil an der Tanzschule ständig wächst. Von den rund 200 Studierenden ist ein Drittel männlich, "in der Orientierungsstufe sogar die Hälfte." Die Orientierungsstufe ist für die jüngsten Tänzer und entspricht der 5. und 6. Klasse. Die Zeiten haben sich gewandelt.

Ich lerne zwei der Tänzer näher kennen: David Lukas Hemm, 19, aus München und Johannes Goldbach, 13, aus Dresden. Auch wenn die Schule drei Tanzrichtungen gleichwertig unterrichtet - Klassischer, Zeitgenössischer/Moderner und Improvisationstanz - so hat jeder der beiden natürlich ein Steckenpferd.

Johannes tanzt am liebsten klassisch. "Das Balletttanzen macht unheimlich viel Spaß und ist eine Herausforderung", sagt er. Er hat schon immer viel Sport gemacht, Leichtathletik und Fußball zum Beispiel. Ein Talentscout der Hochschule hat ihn im Sportunterricht entdeckt. Es kam eins zum anderen, heute ist er Nachwuchsförderstudent in der 8. Klasse und hat schon mehrere Male pro Monat Auftritte.

Klischees von vorgestern!

Mich interessiert, ob er als Junge sich auch Vorurteile anhören musste, als klar war, dass er an einer Tanzschule studieren möchte. "Ja", meint er, "aber die sind eben einfach noch nicht so weit. Jeder wie er möchte." Für einen 13-Jährigen sehr reif und erwachsen.

Ich darf bei einer Tanzstunde von Johannes zuschauen. Wer gedacht hat, die Jungs würden sich im Ballett in enge Strumpfhosen zwängen, liegt allerdings völlig falsch. Hose und Hemd sitzen bequem, nichts mit Taucheranzug-Overall. Die Übungen sehen wunderbar leichtfüßig aus, aber bei näherer Betrachtung merke ich, dass es enormer Kraft, Anspannung und Konzentration bedarf, so graziös auszusehen. Der Lehrerin Mina Skenderija entgeht nichts, sie verbessert sofort und lässt wiederholen. Dabei erinnere ich mich an einen Satz von Johannes: "Eine gewisse Strenge im Unterricht muss sein, damit man etwas lernt."

Billy Elliott als Vorbild

David Lukas Hemm spricht der Moderne Tanz mehr an als das Ballett. "Früher war der klassische Tanz für mich das Ein und Alles. Heute ist der moderne Tanz eher meine Sache." David belegt das zweite Bachelor-Studienjahr Tanz an der Hochschule. Auf die Frage, wie er denn überhaupt zum Tanzen gekommen sei, muss David lächeln. "Ich hatte eigentlich geplant, Schauspieler zu werden. Als ich 15 war, hat mir meine Oma zu Weihnachten die DVD ,Billy Elliott - I will dance' geschenkt. Und seitdem will ich tanzen." Er hat sich auf eigene Faust an einer Ballettschule in München angemeldet und kurze Zeit später auch in Dresden beworben. "Meine Familie und meine Freunde haben mich immer in meiner Entscheidung unterstützt." Deshalb musste er sich nie irgendwelche Klischees anhören. Wer an dieser Schule ist, steht darüber, denke ich mir. "Jedem das Seine", sagt David ruhig.

Und was denkt man als Tänzer während eines Auftrittes? "Das ist immer ganz unterschiedlich. Manchmal ertappe ich mich bei ganz alltäglichen Gedanken, aber meistens werde ich mir meiner selbst bewusst und konzentriere mich auf jede Bewegung." Genau das merke ich auch bei Davids Training. Bei der anfangs beschriebenen Improvisationsstunde tanzt auch der 19-Jährige mit. Pures Kontrastprogramm zur Ballettstunde.

Am Ende erarbeiten die Tänzerinnen und Tänzer in kleinen Gruppen eine synchrone Tanz-Sequenz. Die Musikbegleitung suchen sie sich selbst aus. Eine Gruppe wünscht sich "crazy drums", eine andere "sexy drums". Alexander Theny, der Korrepetitor, reagiert sofort und spielt den gewünschten Musikstil am Klavier oder an den Trommeln. Auch er improvisiert. "Piano like Chopin", wünscht sich David für seine Gruppe.

Draußen auf der Straße habe ich immer wieder einen Gedanken im Kopf: "Warum hast du damals mit dem Tanzen aufgehört?"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.04.2012

Annette Thoma

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