Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
"50 Prozent der Dresdner sind tätowiert" - Ein Besuch bei "Black Needle" in Leuben

"50 Prozent der Dresdner sind tätowiert" - Ein Besuch bei "Black Needle" in Leuben

Eigentlich hat Mirko Hahn keine Lust mit mir zu reden. Von negativen Schlagzeilen übers Tätowieren hat er genug. Und von Vorurteilen auch. Tiefes Misstrauen spricht aus seinem Gesicht, als er sich dann doch auf ein Gespräch einlässt.

Von Catrin Steinbach

"50 Prozent der Dresdner sind tätowiert", sagt der Inhaber des Tattoo-Studios "Black Needle" in Leuben.

Das ist sicher übertrieben, denn zumindest das Gros der Minderjährigen darf man schon mal von der Gesamtzahl der Dresdner abrechnen. Doch der 36-Jährige erklärt später, was er meint: Tattoos sind in, die Zeiten, da man sie in erster Linie mit Gefängnisinsassen in Verbindung brachte, schon lange vorbei. Seine Kunden kämen "querbeet" aus allen Teilen der Bevölkerung, seien Handwerker, Monteur, Bankerin, Grafiker, Wissenschaftler, Künstler, Geschäftsführerin, Verkäufer oder Hausfrau. Dass an der Fessel oder auf dem Dekolleté einer Dame im festlichen Abendkleid eine Tätowierung hervorblitzt, ist heutzutage ebenso wenig skandalträchtig wie die Ganzkörper-Tätowierung eines Rathaus-Angestellten. Zumal nicht jeder diesen Körperschmuck bei jeder Gelegenheit öffentlich zur Schau trägt, sondern ihn im Berufsleben mit der Kleidung verdeckt, "um bei Chef oder Chefin nicht negativ aufzufallen", so Mirko Hahn.

Auch vom Alter her seien nach oben keine Grenzen gesetzt. Das Argument, mit dem Alterungsprozess der Haut werden Tattoos unansehnlich, lässt der Tätowierer nicht gelten. "Jeder ist für seinen Körper selbst verantwortlich. Wenn man auf sich achtet und sich pflegt, kann eine Tätowierung auch im hohen Alter noch schön aussehen."

Der Tattoo-Studio-Betreiber ließ sich im Alter von 18 Jahren sein erstes Tattoo stechen. "Ein schreiendes Gesicht. Mir gefiel das damals. Richtig nachgedacht habe ich darüber nicht. Heute gibt es diese Tätowierung nicht mehr, sie ist mit einem Totenschädel überstochen." Später folgte ein Tattoo nach dem anderen. 14 trägt der 36-Jährige gegenwärtig. Darunter einen Buddha mit einer Lotusblüte. "Der Buddha ist ein Symbol für Schutz und die Lotusblüte für Familie. Das ließ ich mir machen, als mein Vater sehr krank war." Auf acht Fingern seiner beiden Hände steht das Wort Selfmade "für alles, was ich schon geschafft habe". Auf der rechten Seite trage er die Dämonen, links "die guten Sachen, denn jeder Mensch hat zwei Seiten". Jetzt will sich Mirko Hahn noch die Porträts seiner Eltern auf den Körper tätowieren lassen. "Es gibt nur zwei, von denen ich mir das machen lassen würde." Einer von ihnen sei Bob Tyrell in den USA - "ein Meister im Tätowieren von Porträts und mein Vorbild. Aber der hat eine Wartezeit von drei Jahren."

Gelernt hat Mirko Hahn Industriemechaniker sowie Beton- und Stahlbetonbauer. "Mein Ziel war eigentlich, Architekt zu werden. Aber da rieten mir viele ab. Und ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, in einem Büro zu versauern und jeden Tag Garagen oder Einfamilienhäuser zu produzieren. Ich wollte kreativ sein." Im Alter von 20 Jahren begann er selber zu tätowieren. Mehr und mehr wurde das für den jungen Mann, der schon immer gern gezeichnet hatte, eine berufliche Option. "Ein Ausbildungsberuf ist das nicht. Theoretisch kann das jeder machen. Man lernt von denen, die es können."

Im Jahr 2000 eröffnete er in Leuben sein eigenes Tätowier-Studio, in dem er gemeinsam mit "Rippi" - zuvor als Grafiker tätig - arbeitet. Seit 2007 betreibt der geschäftstüchtige Dresdner zudem einen Fachhandel mit Tattoobedarf. Der Laden brummt offenbar. "Wir haben gut zu tun", sagt Mirko Hahn nur und lächelt. "Relativ dünn gesät" seien Tätowierstudios in Dresden, auch wenn die Zahl in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Gemessen an der Einwohnerzahl gebe es in Berlin doppelt so viele Studios. "Die Dresdner sind vorsichtiger, überlegen mehr, sind nicht so experimentierfreudig. So genannte Trends kommen hier zwei, drei Jahre später."

Aber das ist für den Leubener kein Makel. Im Gegenteil. "Tattoos sind etwas ganz Individuelles und Bleibendes. Wer sich dafür entscheidet, sollte keinem Trend folgen oder sich ein Tattoo machen lassen, weil es der Freund gerade auch hat." Von vorgefertigten Schablonen halten Mirko Hahn und Rippi nichts, Arbeiten von anderen zu kopieren sei ein "No go". "Wir entwickeln das Motiv mit unseren Kunden. Ein persönlicher Bezug zum Tattoo ist wichtig, es muss dem Körper angepasst sein und die Linien sollten mit dem Körper mitschwingen."

Oft spielen Religion, Symbole, Mythologie eine große Rolle. "Manchmal muss ich mich selber erst einmal mit dem jeweiligen Thema beschäftigen, hole mir Informationen aus dem Internet und Bücher aus der Bibliothek, um das nötige Hintergrundwissen zu bekommen", erzählt Mirko Hahn. Er selbst hat ein Faible für asiatische Motive. "Wir übernehmen aber auch zum Beispiel organische Strukturen von Pflanzen, die man nur unter dem Mikroskop sieht."

Wer zu "Black Needle" kommt und gar keine Vorstellung von dem Tattoo hat, das er haben möchte, wird wieder nach Hause geschickt. Auch die Namen von Lebenspartnern bringen Mirko und Rippi nicht auf die Haut. "Da haben wir schon zu viele wieder weggemacht." Doch wie geht das? "Man kann ein Tattoo mit einem anderen Motiv überstechen. Natürlich wird das dann größer und man muss etwas dunkler arbeiten", erklärt der Tätowierer.

"Tattoos sind nicht billig, wenn man Qualität möchte. Man sollte das Geld dafür übrig haben. Wer für einen Trabi zahlt, kann keinen Ferrari erwarten", sagt Mirko Hahn. 60 Euro kostet ein Tattoo mindestens. Der Preis ist abhängig von Größe und Aufwand. "Je mehr Details ein Tattoo haben soll, umso größer muss es sein", sagt der Fachmann. "Denn mit den Jahren verschwimmen die Linien etwas. Eine kleine süße Rose im Dekolleté wird da zum schwarzen Fleck."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.10.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Boulevard