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Wenn Buchstaben sinnlose Zeichen bleiben - Analphabeten gründen erste Selbsthilfe-Gruppe in Dresden

Wenn Buchstaben sinnlose Zeichen bleiben - Analphabeten gründen erste Selbsthilfe-Gruppe in Dresden

Lesen kann doch jedes Kind! Nein, eben nicht. Franz Böhme und Lilly Möller* wissen noch nicht, ob sie diesen Artikel - ihren Artikel - heute lesen können.

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Ab wann werden Buchstaben zu Text: Das finden die Sprachkurs-Teilnehmer des Vereins "abcd" gerade heraus. Nun gründen sie eine Selbsthilfegruppe.

Quelle: Carola Fritzsche

Von Katrin Tominski

"Wir werden es versuchen", erklärt Lilly mit einem Lachen. Sie ist guter Dinge, jetzt endlich, durch den Sprachkurs geht es vorwärts. Immer öfter entschlüsselt sich das Buchstabengewirr zu einem Sinn. Vielleicht kann sie bald wie ihre Tochter in der 7. Klasse lesen.

Franz Böhme und Lilly Möller gehören zu den über 202 000 Analphabeten in Sachsen. Das sind knapp fünf Prozent der Bevölkerung. Hunderttausende Menschen, die nicht lesen und schreiben können, die sich durch den Alltag mogeln, sich schämen und Panik bekommen, wenn sie einen Behördenbrief aus dem Briefkasten angeln. Allein in Dresden wird die Zahl der Analphabeten auf 25 800 Menschen geschätzt. "Die Dunkelziffer ist höher", mutmaßt Böhme. Viele Menschen trauen sich nicht, haben Angst, sich zu offenbaren.

Böhme weiß, wovon er spricht. Er weiß um die Scham, die Angst und abseits von Emotionen und Befindlichkeiten auch um die praktischen Herausforderungen. Eine einfacher Fahrplan kann zum Mammutprojekt werden: Buchstaben, Worte und Zahlen verschwimmen dann zum Zeichenbrei. Von welchem Gleis die Bahn nach Kamenz fährt, hat Böhme oft an der mündlichen Auskunft erfahren. Reisen wird zur Herausforderung, wie alles, was sich außerhalb bekannter oder kalkulierbarer Wege bewegt. "Ich habe Dresden früher nie verlassen", erklärt Lilly Möller. Zu riskant, zu ungewiss. Irgendwie war alles mit Unwohlsein behaftet. Am meisten jedoch grämt die Mutter, dass sie ihrer Tochter damals keine Geschichten vorlesen konnte. "Ich habe mir dann immer welche ausgedacht", erinnert sich Lilly Möller, "sie haben meiner Tochter auch gefallen". Trotzdem schmerzt es sie bis heute. Sie hat sich nicht wie eine richtige Mutter gefühlt.

Es sind genau diese Minderwertigkeitskomplexe, die quälen und immer mehr Selbstbewusstsein rauben. "In der DDR konnten wir uns irgendwie durchschlängeln, das geht heute nicht mehr", erklärt Böhme. Auf den Zetteln in der sozialistischen Produktion wusste er irgendwann, wie er die Kreuzchen setzen musste. Heute ist alles schwieriger. "Besonders Behördengänge sind große Herausforderungen", sagt Lilly Möller. Böhme und Möller haben wie viele Analphabeten die Schule besucht. Bis zur achten Klasse. Möller hat sogar eine Berufsausbildung abgeschlossen. "Wir wurden irgendwie durchgeschleift", erinnern sich beide heute.

Um die Situation erträglich zu machen und sich gegenseitig zu helfen, haben Franz Böhme und Lilly Möller eine Selbsthilfegruppe gegründet. "Wir wollen ein Anlaufpunkt sein", erklärt Möller. Geplant seien regelmäßige Treffen und Aktionen. "Im November laufen die vom Europäischen Sozialfonds und Sachsen voll geförderten Sprachkurse aus", erklärte Annett Stülzebach, Projektleiterin des Dresdner Vereins "abcd". Die Selbsthilfegruppe könne dann sowohl Stütze als auch nachhaltige Struktur für Hilfebedürftige sein.

*Namen von der Redaktion geändert.

Interessierte und Betroffene können sich beim Dresdener Verein "abcd - Alphabetisierung, Bildung, Chancen" in der Torgauer Straße 54 in Pieschen melden (Tel.: 88 96 98 63, www.abcd-dresden.de). Die Mitglieder suchen zudem noch Menschen und Institutionen, welche die neue Selbsthilfegruppe mit Wissen, Infrastruktur, Sach- und Geldzuwendungen unterstützen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2013

Tominski, Katrin

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