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"Vieles beeinflusst Kindesentwicklung"

"Vieles beeinflusst Kindesentwicklung"

Vor kurzem sorgte eine Studie der Uni Tübingen für Wirbel, die Kinderentwicklung und soziale Verhältnisse untersuchte. Ergebnis: Arbeitslose haben kleinere Kinder.

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Antje Körner, Professorin der Uni-Kinderklinik, forscht unter anderem nach Gründen für Adipositas bei Kindern.

Quelle: Stefan Straube

Leipzig/Dresden . Erstklässler, deren Vater oder Mutter keinen Job haben, sind danach im Schnitt 1,5 Zentimeter kleiner als ihre Altersgenossen. Die Professorin Antje Körner von der Uni-Kinderklinik Leipzig rät zur Vorsicht bei reinen Beobachtungsstudien und warnt vor vorschnellen Verallgemeinerungen.

Frage:Die Uni Tübingen hat in einer Datenauswertung über 250 000 Kinder in Brandenburg herausgefunden, dass Kinder von Arbeitslosen kleiner sind. Überrascht Sie diese Kausalität?

Antje Körner: Mit "Kausalitäten" aus Beobachtungsstudien muss man sehr vorsichtig sein. Die verringerte Körpergröße bei Kindern, deren Eltern arbeitslos sind, ist zunächst eine Beobachtung. Man muss bedenken, dass gerade die Körpergröße einer Vielzahl von Einflussfaktoren unterliegt. Der wichtigste und stärkste Einflussfaktor ist die Größe der Eltern! Es wäre also zunächst interessant, ob die Kinder auch nach Berücksichtigung ihrer so genannten familiären Zielgröße noch kleiner als ihre Altersgenossen sind, was wir nicht wissen. Es gibt eine Reihe weiterer Einflussfaktoren, zum Beispiel die Größe bei Geburt, die Bedingungen im ersten Lebensjahr und sogar davor, Rauchen in der Familie, das Vorliegen von chronischen Erkrankungen, nicht zuletzt die natürliche Variabilität in der Entwicklung von Kindern und durchaus auch die sozialen Bedingungen.

In der Studie werden psychologischer Stress und Frustration der Eltern und nachfolgend eine größere Vernachlässigung der Kinder als Gründe genannt. Überzeugt Sie das?

Wie schon gesagt muss man die Vielzahl möglicher bekannter und gegebenenfalls unbekannter Einflussfaktoren, und deren Zusammenwirken, gezielt in einer gut strukturierten Studie untersuchen. Das ist gerade bei komplexen Zusammenhängen notwendig und nur das erlaubt eine fundierte Aussage. Das heißt praktisch für die Studien, dass diese möglichen Einflussfaktoren alle erfasst und untersucht werden müssen und auf mögliche Beziehungen untereinander und in Bezug auf die Frage - zum Beispiel der Einfluss auf Größe - analysiert werden.

Sie forschen an der Uni Leipzig selbst intensiv nach Faktoren, die die Kindesentwicklungen beeinflussen. Welchen Ansatz verfolgen Sie?  

Genau diesen einer gut durchdachten und möglichst breit mögliche Einflussfaktoren berücksichtigenden Ansatz. Im Rahmen unseres LIFE Child Projektes interessiert uns, welche Faktoren für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder wichtig sind, auch welche Risikofaktoren es für Krankheitsentstehung gibt, und dies über einen breiten Altersbereich hinweg von der Geburt bis zum jungen Erwachsenen.

Was untersuchen Sie?

Wir haben ein umfangreiches Untersuchungsprogramm entwickelt, welches gesundheitliche, soziale Bildungsfaktoren, aber auch familiäre, psychologische und genetische Aspekte der Kinder und Eltern berücksichtigt. Die Kinder haben viel Spass an den Untersuchungen, zum Beispiel beim Motoriktest. Die Eltern freuen sich über eine Rückmeldung zu ihrem Kind.

Gibt es andere Auswirkungen des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit und Entwicklung der Kinder?

Für einige Gesundheitsrisiken, zum Beispiel für Zahngesundheit und Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, ist die Datenlage wesentlich besser. Gerade für Adipositas haben viele Studien gezeigt, dass unter anderem der soziale Status und der Bildungsgrad der Eltern einen deutlichen Einfluss auf das Risiko für kindliches Übergewicht haben. Auch hier gilt aber, dass eine Vielzahl von Faktoren das Risiko positiv oder negativ beeinflussen.

In Ihrer Adipositas-Forschung suchen Sie auch nach familiären Ursachen für krankhaftes Übergewicht bei Kindern. Welche Zusammenhänge gibt es hier?

Zum einen teilen Familien in der Regel ähnliche Lebensgewohnheiten. Wenn die Eltern sich bewusst ernähren, aktiv Sport treiben, viel im Freien unternehmen, werden auch die Kinder eher einen ähnlichen Lebensstil pflegen. Hingegen sind naturgemäß die Fernseh- oder Computerspielzeiten höher, einseitige und weniger gesunde Ernährung und Rauchen häufiger bei Familien mit adipösen Kindern und Eltern. Solche Risikofaktoren wirken von frühester Kindheit an und können das Kind schon im Mutterleib beeinträchtigen.

Welche Rolle spielen die Gene?

Es besteht zweifellos auch eine genetische und damit direkt erbliche Veranlagung. Hier hat die Wissenschaft in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Allerdings ist keine von beiden Seiten die allein entscheidende, sondern vielmehr ist auch hier das Zusammenspiel offenbar sehr bedeutsam. Genau dies zu untersuchen ist sehr anspruchsvoll und ein Ziel unserer wissenschaftlichen Arbeit. Das LIFE Child Projekt mit seinem breiten Ansatz, der klinische, sozioepidemiologische und genetische Faktoren kombiniert untersucht, ist hier eine wesentliche und vor allem erfolgversprechende Voraussetzung.

Gerade Essgewohnheiten bestimmen doch ganz wesentlich die gesunde Entwicklung von Kindern. Sind da nicht tatsächlich Kinder aus ärmeren, weniger gebildeten Familien benachteiligt?

Viele Studien haben in der Tat gezeigt, dass Bildungsstand und Einkommen durchaus ein Risikofaktor für Adipositas sind. Es ist auch so, dass ein Lebens- und Freizeitstil mit einseitigerer ungesünderer Ernährung und vor allem auch weniger aktiver Bewegung, zum Beispiel im Freien oder Sport, häufiger in diesen Familien anzutreffen sind. Wie schon erwähnt, heißt dies nicht automatisch, dass alle von Arbeitslosigkeit betroffen Eltern automatisch weniger intelligent, dicker sind und sich ungesund ernähren. Es ist aber in der Gruppe häufiger.

Welche Aussagekraft haben solche Studien für den Einzelnen, zum Beispiel für die Mutter, die sich Sorgen um ihr Kind macht?

Eine ganz wichtige Frage. Solche Studien vergleichen zum Beispiel Gruppen von Kindern, deren Eltern arbeitslos sind oder nicht und lassen daher eine Aussage für die Gruppe der Kinder zu. Das heißt nicht, dass daraus eine Vorhersage für das individuelle Kind oder für die Gesamtheit der Kinder getroffen werden kann. Wohl aber können solche Studien Hinweise auf Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene geben - die dann in aller Regel gezielt untersucht und bestätigt werden müssen - und sind damit von wissenschaftlicher und gesundheitspolitischer Bedeutung. Wenn am Ende konkrete Risikofaktoren für Erkrankungen gefunden werden, ist das wiederum von Vorteil für den Einzelnen.

Interview:

Olaf Majer

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