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Stasibelastete Lehrer haben nur im Westen Chance - Regionalstelle Dresden prüft jeden Bewerber

Stasibelastete Lehrer haben nur im Westen Chance - Regionalstelle Dresden prüft jeden Bewerber

(*) hat sich in den 1980ern von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) anheuern lassen. Nach seiner Entlassung kurz nach der Wende ist er mit seiner Familie in den Westen gegangen, weil man dort ausschließlich auf seine fachlichen Qualitäten geschaut hat.

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Das Papier listet auf, welche Lehrer nach 1989 entlassen wurden.

Quelle: Archiv

Lehrer Klaus H. Von Katrin Richter

Bis heute unterrichtet der Mann dort, ist inzwischen verbeamtet und verdient mehr als seine Lehrerkollegen in der alten Heimat. Zurückkommen können aber wird er nicht mehr. Daran ändert auch der Lehrermangel in Sachsen nichts.

Das jedenfalls stellt Katrin Reis, Sprecherin der Bildungsagentur, Regionalstelle Dresden, klar. Zwar könne sich "jede Person mit entsprechendem Lehramtsabschluss und persönlicher Eignung bei der Bildungsagentur bewerben", doch auch heute noch müsse ein Selbstauskunftsbogen ausgefüllt werden. "Abgesehen davon überprüfen wir Bewerber, die zu DDR-Zeiten volljährig waren, und bitten die Stasi-Unterlagenbehörde um Auskunft", erklärt Reis.

Anfang der 1990er Jahre sind aber bekanntlich nicht nur "IMs", sondern vor allem auch "politisch belastete Lehrkräfte" in Größenordnungen entlassen worden - auch, weil es zu viele Lehrer gab. Zu ihnen gehörten zum einen Mitglieder der SED in der Volkskammer, Bezirks- und Kreisschulräte und Mitglieder des FDJ-Zentralrates, soweit sie im Schuldienst waren. Zum anderen ist auch Lehrern für Staatsbürgerkunde und Geschichte sowie Freundschaftspionierleitern gekündigt worden.

Die Frage, ob sich angesichts des Lehrermangels einige der seinerzeit gekündigten Pädagogen wieder bei der Bildungsagentur beworben haben, konnte Sprecherin Reis nicht beantworten. Nach den Kündigungen seien die Personalakten "nach einer Archivierungsfrist von fünf Jahren entweder dem Archiv angeboten oder aber vernichtet worden". Es werde "mit jedem Bewerber ein Einstellungsgespräch geführt, in dem Eignung, Leistung und Befähigung geprüft" würden.

Aus einer Antwort der einstigen Kultusministerin Stefanie Rehm (CDU) auf eine Anfrage der damaligen Fraktion Linke Liste / PDS vom Dezember 1992 geht hervor, dass bis Ende des Jahres sachsenweit 4929 Lehrer entlassen worden waren. Zwei Drittel von ihnen, nämlich genau 3298 Pädagogen, hatten seinerzeit gegen ihre Kündigung geklagt. Rehm zufolge war bis Januar 1993 etwa 200 Klagen in erster Instanz stattgegeben worden. "Insgesamt sind noch 1250 Verfahren wegen Kündigung von Lehrern anhängig", heißt es in dem Papier weiter. Bei den übrigen ca. 2050 Fällen sei entweder die Klage abgewiesen oder zurückgenommen worden oder aber die Sache habe mit einem Vergleich geendet. Auch nicht uninteressant: Die geleisteten Zahlungen für Gerichts- und Anwaltskosten beliefen sich auf rund zwei Millionen D-Mark. Zur Höhe der Abfindungen konnte Rehm keine Angaben machen.

CDU-Landtagsabgeordneter Thomas Colditz, damals Mitglied des Schulausschusses, kann sich noch gut an die Zeit kurz nach der Wende erinnern: "Es waren sehr bewegte Jahre, der Druck nach personeller Erneuerung in den Schulen war enorm", entsinnt er sich. Aus der Distanz heraus müsse er jedoch sagen, dass mitunter auch die falschen Lehrer entlassen worden seien. "Es hat schon weh getan, Leuten zu kündigen, die menschlich integer, aber Parteisekretär an einer Schule waren", nennt er ein Beispiel. Das sei ihm damals sehr nahe gegangen. Doch die geschichtliche Situation habe erfordert, so zu handeln. Was die "IMs" an den Schulen betreffe, auch da hätten sich zum Teil "menschliche Tragödien" abgespielt, weil Lehrer von der Stasi erpresst worden seien. "Allerdings darf man natürlich die Opfer von damals nicht außer acht lassen", fügt er hinzu. Diesen Opfern sei man nicht immer gerecht geworden.

(*Name der Redaktion bekannt)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.02.2013

Katrin Richter

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