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Schüler übernachtet bei Freunden - Amt zahlt Wohnheimkosten für sprachbehinderten Jungen nicht mehr

Schüler übernachtet bei Freunden - Amt zahlt Wohnheimkosten für sprachbehinderten Jungen nicht mehr

Seit einem dreiviertel Jahr läuft die Görlitzerin Cornelia Münch von Pontius zu Pilatus. Niemand will die Kosten für den Platz im Wohnheim bezahlen, den ihr Junge braucht, um die Sprachheilschule in Dresden besuchen zu können.

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Im Wohnheim an der Fischhausstraße (im Hintergrund) hat Max acht Jahre gelebt. Jetzt zahlt niemand mehr die Kosten, so dass er bei Freunden übernachten muss.

Quelle: Archiv/Christian Juppe

Dresden/Görlitz. Das Wohnheim indes steht halb leer.

"Ich hab's satt, ich kann nicht mehr", sagt Max*. Seit einem dreiviertel Jahr hat der fast 15-Jährige kein ordentliches Zuhause mehr, übernachtet mal bei einem Schulfreund, mal bei Verwandten. Max stammt aus Görlitz. Seit fast acht Jahren besucht er die Sprachheilschule an der Fischhausstraße in Dresden. Zwei Jahre hat er noch vor sich. Die Woche über lebte er im Wohnheim. Das war praktisch, denn das Gebäude befindet sich auf dem weiträumigen Schulgelände. Seit September vergangenen Jahres jedoch übernimmt das Sozialamt in Görlitz die Kosten für den Heimplatz in Höhe von 75 Euro pro Tag nicht mehr. Für diese Eingliederungshilfe existiere keine Rechtsgrundlage mehr.

Max gehe eigentlich gern zur Schule, sei wissbegierig und kontaktfreudig, berichtet Cornelia Münch, seine Mutter. Sie ist wie ihr Mann Schausteller und mit dem kleinen Familienunternehmen im Sommerhalbjahr in ganz Sachsen unterwegs. Damit Max wieder im Wohnheim leben kann, ist sie von Pontius zu Pilatus gelaufen, hat mit Ämtern und Abgeordneten gesprochen. Vergeblich. Die Eltern selbst können das Geld nicht aufbringen.

Dabei schien nach den Winterferien zunächst Licht am Ende des Tunnels zu sein. Nach einem DNN-Bericht von Mitte Januar kam plötzlich Bewegung in die verfahrene Angelegenheit: Lothar Bienst, schulpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und Mitglied im CDU-Kreisvorstand Görlitz, wollte sich der Sache annehmen. "Warum ich denn nicht gleich zu ihm gekommen sei, hat er mich gefragt", erinnert sich Cornelia Münch. Zuvor hatte SPD-Landtagsabgeordnete Eva-Maria Stange wochenlang vergeblich versucht, zwischen der Mutter und den Ämtern zu vermitteln. Bienst versprach Cornelia Münch, sich um das Anliegen zu kümmern.

In der Folge gab es am 1. Februar ein Gespräch, an dem gleich fünf Vertreter des Kultusministeriums und zwei aus dem Dresdner Schulverwaltungsamt teilnahmen. Die Stadtverwaltung Görlitz und der Landkreis Görlitz ließen sich damals entschuldigen. "Die Gesprächsteilnehmer sind sich einig, dass unter Berücksichtigung des Kindeswohls eine weitere integrative Unterrichtung an der Sprachheilschule Dresden mit Heimunterbringung ermöglicht werden soll", heißt es im Ergebnisprotokoll, das den DNN vorliegt.

Die Ankündigung Biensts, helfen zu wollen, und das Gespräch im Kultusministerium veranlasste Wohnheimleiterin Sylvia Winkler, Max nach den Winterferien wieder aufzunehmen, ohne eine Kostenzusage in der Hand zu haben. "Wir sagten uns: okay, der Junge muss untergebracht werden, um zur Schule gehen zu können", erklärte sie auf DNN-Nachfrage. Schließlich könne er nicht jeden Tag drei Stunden zwischen Görlitz und Dresden pendeln. Max habe dann von Mitte Februar bis Ende April wieder im Wohnheim gelebt. Das böse Erwachen kam, als Winkler die Rechnung an das Jugendamt Görlitz schickte. "Wie ich auf diese Idee käme, meinte man dort, und dass die Rechnung nicht bezahlt würde", berichtet sie. Der Rest ist schnell erzählt: Seit 1. Mai hat Max keinen Platz mehr im Wohnheim, muss wieder mehr schlecht als recht bei Verwandten unterkommen - ein paar Tage bei einer Tante, seit vergangener Woche bei einer Freundin der Mutter, die bei Pirna wohnt und ihn jeden Tag mit nach Dresden nimmt. "Als die schlechte Nachricht kam, hat Max nur noch dagesessen und geheult", erzählt Cornelia Münch. Er habe keinen Bock mehr auf Schule. Auch die Mutter ist am Ende mit ihrem Latein. "In unserer Familie liegen die Nerven blank, weil wir nicht wissen, was werden soll", sagt sie. Und was sagt Lothar Bienst, der CDU-Landtagsabgeordnete zu alldem? "Nichts, ich habe ganz oft versucht, ihn zu erreichen, aber er geht nicht mehr ans Telefon." Auch für die DNN war Bienst nicht zu erreichen. Er weile noch bis Anfang kommender Woche mit der CDU-Fraktion in Estland, hieß es auf Nachfrage.

Max ist im Übrigen kein Einzelfall. Wie berichtet könnten 48 sprachbehinderte Kinder im Wohnheim, dessen Träger der Jugendsozialwerk Nordhausen e.V. ist, aufgenommen werden. Doch nur 16 Plätze sind belegt mit Kindern zwischen 7 und 14 Jahren. "Die Kommunen wollen nicht zahlen, sie verweisen darauf, dass sprachbehinderte Kinder vorrangig inklusiv am Wohnort betreut werden müssen", erklärte Silvia Winkler gegenüber DNN. In Görlitz aber gibt es für Max keine entsprechende Schule.(* Name geändert)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.05.2013

Katrin Richter

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