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Rektor der Dresdner Musikhochschule reagiert auf Kritik von Seiten der Staatskapelle

Rektor der Dresdner Musikhochschule reagiert auf Kritik von Seiten der Staatskapelle

Dem aufmerksamen Beobachter entgeht nicht, dass es in beiden Dresdner Spitzenorchestern Stellen gibt - und darunter etliche Solo-Positionen -, die trotz mehrerer Probespiele seit längerem unbesetzt sind.

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Aufkleber an einer Kontrabass-Transportkiste des Bundesjugendorchesters (Sachsen). Doch leicht ist es nicht, an die "Weltspitze" zu kommen.

Quelle: Jan Woitas, dpa

Die Staatskapelle etwa sucht u.a. eine/n Konzertmeister/in Violoncelli, ebenso jemanden auf die zweite Solo-Stelle Kontrabass; die Philharmonie (wieder) eine/n Solo-Kontrabassistin/en sowie eine/n Konzertmeister/in der 2. Violinen; auf der seit Jahren freien Stelle an der Solo-Pauke verzeichnet die Mitgliederliste im Internet nach wie vor N.N., unter den Vakanzen ist die Stelle aber auch nicht mehr zu finden...

Die Schwierigkeiten für die Sächsische Staatskapelle, herausragend ausgebildeten Nachwuchs zu akquirieren, hatte Orchestervorstand Andreas Wylezol auf der Spielzeitpressekonferenz im Beisein von Chefdirigent Christian Thielemann (DNN berichteten) beklagt. Der Solokontrabassist ist verantwortlich für die 2008 wiederbegründete Nachwuchsschmiede des Orchesters, die seit 2011 den Namen des 2001 verstorbenen Chefdirigenten Giuseppe Sinopoli trägt und gegenwärtig 18 jungen Musikern eine ganz auf die Staatskapelle abgestimmte Ausbildung ermöglicht. Wylezol hatte konstatiert, dass es "unfassbar wenig hochqualifizierte Absolventen" gäbe. In seiner deutlichen Kritik an den Musikhochschulen, auch ausdrücklich der Dresdner, hatte er gefordert, die Zahl der Studenten zu reduzieren und dafür mehr Qualität und Elite auszubilden. Nur so könnte man wirklich guten Musikernachwuchs für Klangkörper im Range einer Staatskapelle Dresden gewinnen.

Ekkehard Klemm, Professor und Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden (HfM), erklärt dazu gegenüber DNN, eine solche Kritik aus berufenem Munde sei sehr ernst zu nehmen. Aber er stellt die Problematik in einen größeren, einen gesellschaftlichen Kontext. Kultur und besonders Kunst würden aktuell an den Rand gedrängt, kritisiert Klemm, der zudem als Dirigent tätig ist, in der Sächsischen Akademie der Künste und anderen gesellschaftlichen Gremien wirkt und sich durch die Leitung der Dresdner Singakademie auch mit dem Laienbereich vertraut zeigt. "Musikalisch Freischaffende wie fest Engagierte, von den besser bezahlten Spitzenensembles abgesehen, fristen ein Dasein am unteren Rand der Einkommensskala", führt der Fachmann an, "fast alle sächsischen und viele deutsche Orchester arbeiten unter Haustarifvertrag", und das ist in den allermeisten Fällen mit einer Absenkung der Gehälter verbunden.

Vielerorts werde nur noch über Abbau, Fusionen oder Einsparungen geredet, die Situation an den Musikschulen hinsichtlich der Verdienstmöglichkeiten sei katastrophal. "Weder regionale Orchester noch Musikschulen sind realistische Perspektiven für junge Leute, die geeignet wären, den Musikerberuf zu ergreifen. Nicht zu reden von der Wertigkeit des Faches Musik an den allgemeinbildenden Schulen", beklagt Klemm.

"Dort anzusetzen, wäre also zunächst die vordringlichste Aufgabe auch der Musikhochschulen. Gelingen kann das nur, wenn alle Kräfte an einem Strang ziehen, wenn Spitzenmusiker, Pädagogen und Musikhochschulen Netzwerke in die Regionen hinein entwickeln, Talente aufspüren, fördern und wenn Politik dem Berufsstand wieder eine Vision gibt. Neben der absolut dringend notwendigen hohen Qualität einer Elite-Ausbildung ist also zunächst die Breite zu fördern, aus der Spitze wachsen kann."

Die Dresdner Musikhochschule habe zwischen 1995 und 2010 zehn Stellen verloren, muss der heutige Rektor konstatieren. Der immer wieder global geäußerten Kritik, die Hochschulen nähmen beliebig und zu viele Studenten auf, die dann nach Studienabschluss wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, widerspricht Klemm vehement. Natürlich seien nicht alle Auszubildenden "Überflieger", aber dennoch viele Musiker mit Berufsaussichten. Nicht zuletzt sei gerade für die Orchesterausbildung eine Mindestgröße in den einzelnen Instrumentalklassen unabdingbar, um die Spielfähigkeit des Hochschulorchesters und damit die Praxisausbildung der Studenten für ihre spätere Tätigkeit in Klangkörpern zu gewährleisten.

Unter Klemms Rektorat sind mit Sondermitteln befristete Stellen geschaffen worden in Bereichen, in denen es bis dato überhaupt keine festen Positionen für Lehrkräfte gab - Oboe, Fagott, Horn, Trompete, Schlagwerk - bzw. dringend Unterstützung notwendig war. Zu erfüllen war zudem eine Sonderzielvereinbarung für das Lehramt Musik, um der Forderung des Freistaates Sachsen nachzukommen, fast doppelt so viele Musiklehrer auszubilden wie zuvor. Diese Maßnahmen sollten zur schnellen Verbesserung der Orchesterausbildung und mittel- bis langfristig der musischen Ausbildung an Schulen führen, verbunden mit der vagen Hoffnung, dadurch auch wieder mehr Leute für Musik zu interessieren-

Gegenwärtig sei die Hochschule damit befasst, diese Positionen durch sanfte Umstrukturierung zu verstetigen und dabei eine Struktur zur besseren Instrumentalausbildung aufzubauen. Bei allen Kapazitätsausgleichsversuchen: "Feste Stellen und attraktive Klassen sind die einzige Möglichkeit, wirklich qualifizierten Nachwuchs anzulocken und auszubilden", betont Klemm. Sobald feste Professuren existierten, gingen die Bewerberzahlen sprunghaft nach oben.

Ein gravierendes Problem aber stellen nach wie vor die im Vergleich zu anderen Berufsgruppen unbefriedigenden Honorare der Lehrbeauftragten dar: Zurzeit liegen sie zwischen 24 und 34 Euro. Seit 2013 seien insbesondere die unteren Gruppen angehoben worden, weitere Verbesserungen würden gerade diskutiert. Das Grundproblem aber bleibt bestehen: Ein Lehrbeauftragter kommt im allergünstigsten Fall auf 8 000 bis maximal 10 000 Euro jährlich und hätte in diesem Fall eine halbe Stelle auszufüllen.

Im Übrigen: Hochschulen bilden nicht nur für Orchester aus, gibt der Rektor zu bedenken, und auch nicht nur für deutsche Orchester- Etwa ein Drittel der Studenten belegen Orchesterstudiengänge, die anderen sind: Sänger, Dirigenten, Repetitoren, Komponisten, Musiktheoretiker, Jazzer, Pianisten und vor allem: Musiklehrer, "die wir dringend brauchen, damit später wieder Nachwuchs kommt-"

Orchester meinten oft, so Klemm nun etwas widerborstiger, sie seien die einzige Existenzgrundlage der Musikhochschulen. "Unsere Konzepte müssen aber viel weiter greifen und aufgestellt sein, die Eliteausbildung ist nur ein Teil unserer Aufgabe." Von den ca. 600 Studierenden der HfM sind weniger als 200 in den Orchesterfächern, "und das geht auch von der Struktur nicht anders - diese 150 bis 200 brauche ich, wenn ich eine Orchesterausbildung auf hohem Niveau erreichen möchte".

Für die Ausbildung einer von Wylezol angesprochenen Elite biete Dresden herausragende Möglichkeiten und auch hervorragendes Personal. Da gibt es das Sächsische Landesgymnasium für Musik als pre college. Die HfM arbeitet regelmäßig mit sächsischen Klangkörpern zusammen, gestaltet gemeinsame Projekte und Absolventenkonzerte, die sowohl in den Regionen als auch in Dresden erklingen. "Um dieses Netzwerk zu allen regionalen Orchestern und darüber hinaus vielen regionalen und überregionalen Musikschulen beneiden uns viele Kollegen, sehen es als Dresdner Alleinstellungsmerkmal."

Nach wie vor entstamme die Mehrzahl der Professorinnen und Professoren in den Instrumental- und Gesangsfächern selbst den Spitzenensembles oder gehört ihnen an. Diesem Engagement könne nicht genug Dank gesagt werden, so Klemm. Es als ungenügend zu kritisieren, ziele am Eigentlichen vorbei und sei - nebenbei bemerkt - eine "Kritik an den eigenen Kolleginnen und Kollegen". Als Rektor der HfM Dresden verweist er auch "mit etwas Stolz" darauf, dass in der Sinopoli-Akademie im letzten Jahr sieben, heuer fünf Absolventen der Dresdner Musikhochschule spielen, dass ein weiterbildender Studiengang Chorgesang mit dem Chor der Semperoper ins Leben gerufen werden konnte (aktuell vier Studierende), der neue Chordirektor und sein Stellvertreter Dresdner Absolventen und unter den jüngeren Kollegen in der Sächsischen Staatskapelle mindestens elf Absolventen engagiert sind, die unter Ekkehard Klemms Leitung noch im Hochschulorchester saßen, also nach 2003.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.03.2015

Kerstin Leiße

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