Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Ob Jungwähler ihr Recht auf Mitbestimmung am Sonntag nutzen, hat ganz unterschiedliche Gründe

Ob Jungwähler ihr Recht auf Mitbestimmung am Sonntag nutzen, hat ganz unterschiedliche Gründe

Familienausflug und Event: Valentin Schul hat den Tag seiner ersten Wahl schon fest vor Augen. "Meine Verwandten und ich werden unseren Wahlgang mit Kaffee und Kuchen verbinden", erzählt der 18-jährige Fachoberschüler.

Ein bisschen Gruppenzwang, ein bisschen Tradition - Valentin ist sich durchaus bewusst, dass seine Familie zu der Entscheidung, wählen zu gehen, erheblich beiträgt.

Der eigentliche Grund zur Freude über die erste Stimmabgabe ist aber ein anderer: Wählen ist sein gutes Recht. Und das nutzt er am kommenden Sonntag zum ersten Mal bewusst aus. Denn erst im vergangenen Oktober nach der Bundestagswahl feierte Valentin seine Volljährigkeit. "Ich finde, wenn man nicht wählen geht, sollte man auch nicht an der Regierungsführung meckern dürfen", so der Schüler. Gerade das Ausüben von Kritik sei ihm aber wichtig. Schließlich gestalte besonders das unsere Zukunft und bestimme das Leben. Valentin möchte definitiv mitreden können und nicht ausgegrenzt sein. "Würde ich nicht wählen, würde ich es bereuen", erklärt er.

Valentin versucht, in Sachen Politik und Weltgeschehen immer auf dem neuesten Stand zu sein. Er liest dazu täglich zwei Zeitungen und nutzt die Online-Angebote der großen Tageszeitungen und Magazine. Vieles erfahre er aber auch im Austausch mit seiner Familie. Am Abendbrottisch sei Politik oft ein Thema. In seiner Klasse dafür kaum, wie der 18-Jährige erklärt. Obwohl die Wahlen im Gemeinschaftskunde-Unterricht thematisiert würden, gebe es in den Pausen diesbezüglich kaum Gesprächsstoff. Es sei viel mehr eine Randnotiz. Den Wahl-O-Maten habe er bisher nur in abgewandelter Form im Unterricht getestet. Valentin glaubt jedoch nicht, dass das Ergebnis noch etwas an seiner Meinung rütteln könnte.

Und außerdem: eine Partei, die all seinen Wünschen entspricht, findet Valentin sowieso nicht. Aber diesen Anspruch stellt er auch gar nicht an die Parteienlandschaft. Punkten können bei ihm vor allem Politiker, die sich für die europäische Integrität einsetzen: "Ich wünsche mir mehr Richtlinien von oben, so dass alle Staaten wirklich in die EU integriert werden." Seine erste Amtshandlung als Bundeskanzler wäre, die Mütterrente abzuschaffen, um das Geld sinnvoller in die Jugend zu investieren, zum Beispiel in Kindertagesstätten und das Bildungswesen. "Was nützen einer Mutti die 20 Euro mehr im Monat denn wirklich?", fragt er sich. Auf städtischer Ebene würde sich Valentin wiederum für die Förderung von Randbezirken wie Gorbitz und Prohlis einsetzen. "Ich wünsche mir, dass den Menschen, die dort leben, mehr Hoffnung gegeben wird und Zukunftsperspektiven für sie geschaffen werden", so Valentin.

Ich gehe nicht wählen. Oder aber ich mache meine Stimme ungültig. Eins von beiden." Robin Wagner ist sich seines Wahlverhaltens noch nicht ganz sicher. Sicher ist aber, dass er keiner der antretenden Parteien seine Stimme geben wird, weder zur Europawahl noch zu den Stadtratswahlen. Die Bundestagswahl im vergangenen Jahr hat er aber noch mitgenommen. "Das war schließlich meine allererste Wahl. Ich habe zu dem Zeitpunkt noch daran geglaubt, dass sich das Wählen gehen lohnt. Inzwischen bin ich davon aber nicht mehr überzeugt", erklärt der 21-Jährige. Alle vier Jahre wählen gehen und am Ende entscheiden die Gewählten doch nur über die Köpfe aller hinweg. Das will Robin nicht länger unterstützen. Außerdem befürchtet er, während des Ukraine-Konflikts womöglich noch indirekt zum Kriegstreiber zu werden, indem er sein Kreuzchen setzt. Wenn er nämlich mit seiner Stimme eine Partei unterstütze, die sich dann eventuell für militärische Aktionen gegen Russland ausspricht und beteiligen möchte, sehe sich Robin als mitverantwortlich. Und das möchte er auf gar keinen Fall sein. Der Fachoberschüler, der gemeinsam mit Valentin das Berufsschulzentrum für Bau und Technik besucht, wünscht sich von der Europäischen Union, dass sie mehr mit Russland zusammen arbeitet. "Die sollen sich nicht so viel von den USA sagen lassen", findet Robin. Er wisse schon gar nicht mehr, wem er trauen soll. "Da erzählt doch jeder immer wieder etwas anderes."

Wenn er entscheiden könnte, wofür sich das Europäische Parlament einsetzen soll, dann wäre es das Überdenken der momentan einheitlich genutzten Währung. "Die südeuropäischen Länder sind klar am Euro gescheitert. Selbst innerhalb Deutschlands kriegen wir das aufgrund unserer Ost-West-Vergangenheit nicht auf die Reihe." Wenn es nach Robin ginge, dann sollten nur die Staaten, die wirtschaftlich auf einer Stufe stehen auch die gleiche Währung haben. Die Zusammenarbeit in allen Bereichen solle darunter aber nicht leiden, denn die sei schließlich enorm wichtig.

Für Dresden wiederum wünscht sich der 21-Jährige mehr Freiräume. Besonders alternative Lebensstile sollte die Stadt fördern. "Man muss sich ja nicht ins System einfügen", findet Robin. Aber auch hier gibt es niemanden, den er gerne unterstützen würde. Und politische Extreme kommen für ihn ohnehin nicht in Frage, da diese die Bevölkerung nur spalten. "Hand in Hand" lautet seine Devise. Sowohl für Europa als auch innerhalb Deutschlands und Dresdens und das, ohne dabei die eigene Souveränität aufzugeben. Eine Sache gibt es noch, die Robin wirklich stört: "In Deutschland gibt es so viele Probleme, die einfach tot geschwiegen werden. Und wenn man sie dann anspricht, wird man gleich als extrem abgestempelt. Aber ich weiß ja selbst am besten, wie ich denke."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.05.2014

Laura Thiele

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Bildung
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.