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"Nicht alle unsere Schüler haben eine Lobby"

"Nicht alle unsere Schüler haben eine Lobby"

"Die Leute denken manchmal noch, hier lernen nur die klugen Kinder, die sich gut auch als Werbung für die ,Aktion Sorgenkind' eignen", sagt Susanne Petschke, Leiterin des Förderzentrums für Körperbehinderte an der Fischhausstraße.

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Referendarin Stefanie Mahnke unterrichtet im Stammhaus des Förderzentrums an der Fischhausstraße Kinder, die neben der Körperbehinderung noch andere Besonderheiten und also mehr Förderbedarf haben - im Lernen, im Verhalten, in der Sprache.

Quelle: Dietrich Flechtner

Von Katrin Richter

Doch die Schülerschaft der "Kö." habe sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. "Die klassisch körperbehinderten Schüler gibt es bei uns kaum noch, die haben längst an einer allgemeinbildenden Schule ihre Heimat gefunden", erklärt die Pädagogin. Wer jetzt an der Fischhausstraße lerne, habe neben der Körperbehinderung noch andere Besonderheiten und also mehr Förderbedarf - im Lernen, im Verhalten, in der Sprache. "Und diese Schüler verfügen über keine Lobby", ist Petschke sicher.

Die Schulleiterin weiß, wovon sie spricht. Seit drei Jahren leitet sie das Förderzentrum in Dresden. Zuvor hat sie 17 Jahre an der Körperbehindertenschule in Hoyerswerda gearbeitet, gleichfalls als Leiterin. Auch sie kennt natürlich das Zauberwort Inklusion, mit dem früher niemand etwas anfangen konnte und das jetzt in aller Munde ist. Grund für seinen gestiegenen Bekanntheitsgrad ist die UN-Behindertenrechtskonvention, die auch in Deutschland seit zweieinhalb Jahren gilt. Sie besagt, dass Kindern mit Behinderung die volle Teilhabe am Unterricht an einer allgemeinbildenden Schule ermöglicht werden muss.

Auf einen gemeinsamen Antrag von CDU, FDP, SPD, Linke und Grünen im Landtag hin soll ein 25-köpfiges Expertengremium prüfen, wie sich das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern auch in Sachsen voranbringen lässt, und bis März kommenden Jahres Empfehlungen geben. Das Förderzentrum für Körperbehinderte an der Fischhausstraße gehört zu den Dresdner Förderschulen, auf die der Aktionsplan Auswirkungen haben soll.

Unabhängig davon hat sich die "Kö." seit Jahren auf die veränderte Schülerschaft eingestellt. Hier lernen 180 Schüler in 23 Klassen, davon 20 im Stammhaus an der Fischhausstraße, drei weitere als Partnerklassen an Dresdner Grundschulen. Unterrichtet werden sie von 40 Lehrern, begleitet von 22 pädagogischen Unterrichtshilfen. Zwischen acht und elf Kinder lernen im Primarbereich (Grundstufe) in einer Klasse. "Die meisten werden nach dem Lehrplan der Schule zur Lernförderung und nur wenige nach dem Grundschul-Lehrplan unterrichtet", gibt Petschke Auskunft. Im Sekundarbereich (Oberstufe) hat sich die Schule ein neues Unterrichtskonzept einfallen lassen: Hier sitzen Kinder in einer "gemischten" Klasse, die sowohl nach dem Mittelschul- als auch nach dem Förderschul-Lehrplan unterrichtet werden. Deutsch, Mathe, Musik, Sport, Ethik und Kunst haben alle gemeinsam. Da, wo die Lehrpläne zu sehr voneinander abweichen, nämlich in Geschichte, Biologie und Geografie, gibt es jahrgangsübergreifende Lerngruppen. "Entwickelt sich ein Schüler so gut, dass er den Realschulabschluss schaffen könnte, suchen wir nach einer Integrationsschule für ihn", erklärt die Leiterin. Der Hauptschulabschluss könne auch weiterhin an der "Kö." gemacht werden. "Es wird immer Kinder geben, die an der allgemeinbildenden Schule nicht die optimalen Bedingungen vorfinden", ist Petschke überzeugt.

Eva-Maria Stange, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, hatte im DNN-Interview kürzlich vorgeschlagen, angesichts des Schüleransturms die Körperbehindertenschule für nicht behinderte Grundschulkinder zu öffnen. Das hält Petschke unter den jetzigen Bedingungen für eine Illusion. "Wir haben sehr kleine Räume, wenn zehn unserer Kinder hier drin sitzen, kann sich keiner mehr bewegen", erklärt sie. Zum anderen habe man zwar um das 2005 sanierte Gebäude ein tolles Außengelände und die Heide vor der Haustür, sei aber zu abgelegen für Grundschüler, die dann jeden Tag zur Schule gefahren werden müssten.

Neben dem Primar- und Sekundarbereich gibt es einen Mehrfachbehindertenbereich an der Schule. Diese 60 Kinder können nicht ohne weiteres an eine allgemeinbildende Schule integriert werden. Sie finden im Stammhaus sehr gute Bedingungen vor, denn dort gibt es zehn angestellte Physiotherapeuten und vier Krankenschwestern, außerdem Logo- und Ergotherapeuten.

190 weitere Kinder sind schon an allgemeinbildenden Gymnasien, Grund- und Mittelschulen integriert. "Das ist mehr, als unsere Schülerzahl am Stammhaus beträgt", sagt die Schulleiterin. Für diese Kinder und Jugendlichen gibt es eine Beratungsstelle. Dort werde insbesondere nach Klasse 4 und nach Klasse 6 geschaut, wie sich der Schüler entwickelt, welchen Bedarf er hat, welche Schule die geeignete ist. "Einmal Förderschule, immer Förderschule - das ist ein Klischee, das wir nicht mehr bedienen", stellt Petschke klar.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2011

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