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Neue Zwischengeneration aktiver Alter - In vielen Kirchgemeinden kommt die klassische Seniorenarbeit nicht mehr an

Neue Zwischengeneration aktiver Alter - In vielen Kirchgemeinden kommt die klassische Seniorenarbeit nicht mehr an

Als es um die traditionelle Seniorenweihnachtsfeier ging, ist es Andreas Rückert, Pastor der freikirchlich-pfingstlichen Elim-Gemeinde in Dresden, am deutlichsten aufgefallen.

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Marianne Euteneuer gehört zu den Menschen, die auf aktive Weise alt werden. Die 77-jährige Katholikin malt in ihrer Küche Aquarelle. Die sind jetzt in einer Ausstellung in der Begegnungsstätte der Ökumenischen Seniorenhilfe Dresden zu sehen.

Quelle: Steffen Giersch

"Viele haben gesagt: Da gehe ich doch nicht hin. Ich bin doch nicht alt." Inzwischen sei wohl eine Seniorengeneration ganz neuer Art herangewachsen, sagt er. "Fast wie Jugendliche, die sagen: Mit den Erwachsenen wollen wir nichts zu tun haben."

Es muss sich etwas ändern in der Altenarbeit, sei ihm klar geworden. So haben sie ihre klassische Bibelstunde am Donnerstag Abend auf Nachmittag vorverlegt und sie von jüngeren Senioren organisieren lassen. Da hatten sie wieder Zulauf. Neu sei auch "Singen und Beten". Einmal im Monat treffen sich die Älteren, musizieren und stimmen die Kirchenlieder aus ihrer Jugend an. "Das ist der Knüller bei uns. Da sind sie mit Begeisterung dabei."

Die Küche wird zum Atelier

Auch Marianne Euteneuer gehört zu jenen Senioren, die auf ganz neue Weise alt werden, sehr aktiv nämlich. In den Räumen der Ökumenischen Seniorenhilfe Dresden sind gerade ihre Aquarelle ausgestellt. Die sind alle in ihrer Küche entstanden, die sie dafür zum Atelier umfunktioniert. 77 Jahre alt ist die agile Frau, alleinstehend, Katholikin. In ihrem aktiven Berufsleben war sie Bibliothekarin. Gemalt habe sie schon immer gern, erzählt sie. Aber erst mit dem Ruhestand habe sie ausreichend Zeit dafür gefunden. "Mit dem Pinsel in der Hand kann ich mich konzentrieren, da bin ich ganz weg." Die Landschaftsmotive aus Litauen, Lettland, Estland und vom spanischen Jakobsweg in der Ausstellung verraten auch, wie weit diese Frau herumgekommen ist in den letzten Jahren.

Das Aquarellieren ist nicht ihre einzige Beschäftigung. Sie lernt Russisch. Demnächst beginnt sie einen Französisch-Lehrgang. "Die grauen Zellen aktivieren ist wichtig, um ja nicht in die Demenz zu rutschen." Außerdem besucht sie regelmäßig einen Kurs für Volkstanz. "Ich muss mich doch bewegen", meint sie lachend. "Trotz meiner zwei Kniegelenkprothesen."

Als "junge Alte" bezeichnen Sozialwissenschaftler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) diese betagten Menschen in einer Studie. Was, wie Jens-Peter Kruse (Hannover) einräumt, auch nicht ganz zutrifft: "Die Menschen zwischen 60 und 80 Jahren erleben sich nicht alt und sind es in der Regel auch nicht. Aus dem Erwerbsalter entlassen, kommen sie in dem neu zugeschriebenen Lebensabschnitt Alter noch nicht an." Das stürzt Kirchgemeinden in ein Dilemma: Von deren traditionellen Angeboten, dem Seniorenkreis mit dem Herrn Pfarrer, fühlen sich viele nicht mehr angesprochen.

Jene Frauen und Männer in dieser "namenlosen Zwischenphase", wie Kruse sie behelfsweise nennt, suchen sich andere Möglichkeiten für aktive Betätigung. Doch die finden sie in der Regel außerhalb der Kirchgemeinden. Es sei "unerlässlich, die aktiven Seniorinnen als wichtige Personengruppe für die Beteiligungskirche in den Blick zu nehmen", mahnt Ulf Liedke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit (EHS), in einer Arbeitshilfe für sächsische Kirchgemeinden. Gerade sie könnten mit ihren Erfahrungen und Ideen die Arbeit einer Kirchgemeinde lebendiger gestalten. Doch bislang richteten sich die meisten Angebote an jene Seniorinnen, "die zum fragilen und zum abhängigen Alter gehören".

Entscheidend sind die Kontakte

Menschen würden heute eben ganz unterschiedlich alt, konstatiert Sabine Schmerschneider von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen (EEB). Die einzig sinnvolle Reaktion der Kirche darauf wäre größere Vielfalt. "Viele aktive ältere Menschen kommen nicht in Seniorenkreise, um sich betreuen oder beschäftigen zu lassen." Bislang organisiert in der Regel der Pfarrer alles für seine betagten Gemeindemitglieder. An diesem traditionellen Prinzip müsse sich etwas ändern, meint Sabine Schmerschneider. "Die Senioren müssen mehr selber machen. Eine Kirchgemeinde muss Räume schaffen für Neugründungen, kleinere Kreise, die auch mal nur über ein halbes Jahr gehen können." Das Angebot sollte auf einen bestimmten Inhalt orientieren. "Es kommen nur die, die an einem Thema interessiert sind." Entscheidender Aspekt für viele seien Kontakte, um nicht zu vereinsamen.

Da und dort in der sächsischen Landeskirche gibt es Versuche: Seniorenchöre in Dresden, Lohmen und in Chemnitz, Seniorenbläserkreis in Zwickau, eine Erzgebirgs-Wandergruppe in Chemnitz. Die EKD-Sozialwissenschaftler raten, das nicht mehr nur in Gemeinden, sondern regional, im Kirchenbezirk etwa, zu organisieren.

Die Begegnungsstätte der Ökumenischen Seniorenhilfe in Dresden praktiziert die Angebotsvielfalt seit längerem. Eine Schreibwerkstatt etwa, deren Texte Ende 2012 als Buch erschienen, einen Computerkurs oder Yoga. Jüngstes Projekt: ein Garten, den die Senioren selber pflegen. "Wir probieren immer wieder etwas Neues aus", sagt Leiterin Steffi Möhle.

Und warum immer nur Alte unter sich?, fragt Marianne Euteneuer. Sie jedenfalls fühle sich gerade in jenen Kreisen wohl, die auch jüngere Menschen besuchen. Tomas Gärtner

iAquarelle von Marianne Euteneuer in der Begegnungsstätte der Ökumenischen Seniorenhilfe Dresden, Wittenberger Str. 83, bis Ende Juni, geöffnet Mo.-Fr. 9-17 Uhr.

"Blickpunkt kirchliche Seniorenarbeit. Herausforderung für die Zukunft. Eine Arbeitshilfe für die Praxis", hrsg. von der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen (EEB), im Internet unter www.eeb-sachsen.de -> Download

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.03.2013

Tomas Gärtner

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