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Lehrer hinter Gittern

Lehrer hinter Gittern

Ralf Johne: Ganz einfach: Ich habe Lehramt Mittelschule studiert, Fächerkombination Physik und Technik. Als ich fertig war mit dem Referendariat, gab es in Sachsen einen Einstellungsstopp für Lehrer.

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Seit fünf Jahren unterrichtet Ralf Johne erwachsene Gefangene in der Justizvollzugsanstalt am Hammerweg. Die Männer seien oft motivierter als Schüler draußen in der Freiheit, sagt er. Vier schriftliche und fünf mündliche Prüfungen müssen sie bestehen.

Quelle: Andor Schlegel

Wie kommt man als Lehrer ins Gefängnis?

Ralf Johne : Ganz einfach: Ich habe Lehramt Mittelschule studiert, Fächerkombination Physik und Technik. Als ich fertig war mit dem Referendariat, gab es in Sachsen einen Einstellungsstopp für Lehrer. Also hab' ich erst mal fünf Jahre bei einem privaten Bildungsträger gearbeitet und dann von 2000 bis 2007 in der Jugendvollzugsanstalt (JVA) Zeithain Jugendliche unterrichtet. Ich wohne dort gleich um die Ecke. Als die Jugendlichen in die neue JVA nach Regis-Breitingen im Leipziger Land gewechselt sind, bin ich nach Dresden versetzt worden. Seitdem unterrichte ich hier am Hammerweg Männer in Physik und Geografie.

Wieviele Gefangene drücken die Schulbank? Was haben sie verbrochen?

12 Realschüler, 24 Hauptschüler pro Schuljahr. Ich habe Taschendiebe, aber auch Schwerverbrecher vor mir sitzen.

Haben Sie eine Waffe dabei?

Nein. Ich bin unbewaffnet.

Aber was machen Sie im Notfall?

An meinem Funkgerät gibt es einen Alarmknopf. Den habe ich aber in den zwölf Jahren, die ich Gefangene unterrichte, noch nicht auslösen müssen.

Mal abgesehen von den Gittern vor den Fenstern: In wiefern ist der Unterricht anders als in der Freiheit?

Es gibt keine Handys, keine Klassenfahrten, keine Elterngespräche. Und die üblichen Ausreden fürs Zuspätkommen - der Bus hatte Verspätung, die Bahnschranken waren unten - funktionieren hier auch nicht. Die Gefangenen sind in der Regel pünktlich. Manchmal hat allerdings einer, der eine Drogenkarriere hinter sich hat, einen so schlechten Tag, dass er nicht kommen kann.

Wie behandeln Sie die Gefangenen?

Nicht wie Straftäter, denn das ist vorbei. Es gab einen Prozess, ein Urteil. Ich sehe mich eher wie ein Lehrer, der Erwachsene weiterbildet.

Wie würden Sie Ihren Unterrichtsstil beschreiben?

Vielleicht so: Die Gefangenen wissen bei mir genau, woran sie sind. Ich bin konsequent. Das Erstaunliche ist: Die Schüler melden sich, die rufen rein, die fragen, die wollen Arbeiten schreiben und Zensuren haben. Genau wie draußen. Die sind ganz bei der Sache. Einige haben mir gesagt, dass ein Jahr im Knast am schnellsten vergeht, wenn man Schüler ist.

Und der Schulbesuch ist eine freiwillige Sache?

Ja, absolut. Anders würde das auch nicht funktionieren. Wir haben dreimal so viele Bewerber für die Realschule wie Plätze. Die meisten sitzen hier, um einen Schulabschluss zu bekommen und damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, wenn sie hier wieder rauskommen. Im Übrigen bekommen die Gefangenen Geld, wenn sie zur Schule gehen - 1,34 Euro pro Stunde die Realschüler, etwas weniger die Hauptschüler. Wenn sie hier arbeiten würden, bekämen sie auch nicht mehr.

Haben Inhaftierte dieselben Fächer wie Schüler in Freiheit?

Nein. Die Realschüler haben Physik, Chemie, Mathe, Deutsch, Biologie, Englisch, Gemeinschaftskunde, Geschichte und Geografie. Sport, Kunst, Ethik und Musik gibt's nicht. Bei den Hauptschülern sind es ein paar Fächer weniger, sie haben zum Beispiel keine Chemie.

Und wie sieht es mit den Prüfungen aus?

Wir bereiten die Gefangenen ja auf die Prüfungen für Schulfremde vor. Sie liegen im selben Zeitraum wie an der staatlichen Schule auch. Die Realschüler müssen vier schriftliche und fünf mündliche Prüfungen bestehen - mehr als draußen.

Und wieviele Gefangene haben in diesem Schuljahr bestanden?

Zwei Drittel der Realschüler, der beste mit 1,8. Bei den Hauptschülern waren es etwas weniger. Wir hatten aber auch schon Jahrgänge, wo niemand durchgefallen ist. Die Schüler sind ja nicht zu dumm gewesen, einen Schulabschluss zu machen. Sie hatten nur in der Zeit, wo sie in die Schule hätten gehen sollen, etwas anderes vorgehabt.

Gibt es einen festen Lehrplan?

Wir orientieren uns am Lehrplan der 9. und 10. Klasse, vor allem aber an den Prüfungsanforderungen. Sie müssen bedenken, dass die Schüler mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen kommen. Manche sind ja zehn Jahre aus der Schule raus, da muss ich ganz weit unten anfangen.

Wann geht die Schule früh los?

7.40 Uhr. Die Realschüler haben jeden Tag sieben Stunden Unterricht, die Hauptschüler vier bis sechs. Im Gegensatz zu den Schülern draußen in der Freiheit haben die Inhaftierten nicht zwei Jahre, sondern nur ein Jahr Zeit, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten.

Gibt es Hausaufgaben?

Ja, aber eingeschränkt. Die Gefangenen sitzen ja schon sieben Stunden pro Tag hier.

Und was ist mit Zensuren?

Gibts auch, aber die zählen nicht als Vornote, sondern nur die Prüfungen. Die Schulfremdenprüfung nehmen Partnerschulen ab. Welche, das legt die Bildungsagentur fest. Im vergangenen Schuljahr waren es Lehrer aus der Mittelschule Weixdorf und der 36. Mittelschule.

Werden Sie wie ein normaler Lehrer bezahlt?

Ja, angestellt bin ich allerdings im Justizministerium. Ferien haben wir nicht, sondern nehmen ganz normal Urlaub.

Kommen manchmal Gefangene nach dem Unterricht zu Ihnen?

Ja, wir sind schon so eine Art Ratgeber, manchmal auch Seelsorger. Viele kommen und fragen: Wie mache ich das jetzt mit meiner Lehre? Oder: Ich hab Streit mit meiner Freundin, was soll ich jetzt tun?

Haben Sie noch Kontakte zu ehemaligen Schülern?

Nein. Die suchen keinen Kontakt. Einen jungen Mann gibt es, der ruft immer mal an, weil er niemanden hat.

Würden Sie an eine staatliche Mittelschule gehen, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Nein. Ich bin gern Lehrer hier.

Wann haben Sie einen Glücksmoment?

Die schönste Zeit sind die beiden Stunden mit den Gefangenen nach der Zeugnisausgabe.

Ralf Johne ist kein gewöhnlicher Lehrer. Seine Schüler sind erwachsene Gefangene - Taschendiebe, Kleinkriminelle, Schwerverbrecher. Der 45-jährige gebürtige Gröditzer unterrichtet sie in der Justizvollzugsanstalt am Hammerweg in Physik und Geografie. Als einziger Mann. Fünf Lehrerkolleginnen hat er dort. Jedes Jahr wollen mehr Gefangene den Realschulabschluss nachholen als es Plätze gibt. Und die Durchfallerquote ist meist geringer als an den Mittelschulen draußen in der Freiheit. Johne behandelt seine Schüler nicht wie Straftäter. Und eine Waffe hat er auch nicht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.08.2012

Gespräch: Katrin Richter

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