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Lehre statt Studium: Zwei Dresdner erzählen, warum sie abgebrochen haben

Lehre statt Studium: Zwei Dresdner erzählen, warum sie abgebrochen haben

In Kürze werden wieder Tausende junge Menschen an Dresdens Hochschulen strömen. Allerdings ist dieser Weg keinesfalls für jeden geeignet. Manch einer stellt erst im Hörsaal schmerzhaft fest, dass eine Ausbildung der bessere Weg gewesen wäre.

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Über Umwege kam Benjamin Schuster zur Schneiderlehre.

Quelle: Dietrich Flechtner

Wir haben zwei Dresdner besucht, die ihr Studium abgebrochen haben und trotzdem glücklich geworden sind.

Robert Schumann wollte lieber praktisch tätig sein, als im Hörsaal zu versauern

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Mit großer Begeisterung hat Robert Schumann seine Elektronikerlehre absolviert.

Quelle: Christian Juppe

Dresden. Mit großer Euphorie nimmt Robert Schumann 2008 sein Elektrotechnik-Studium an der TU Dresden auf. „Alles, was mit elektrischen Dingen zusammenhängt, hat mich schon immer interessiert“, erzählt der 26-Jährige. Gebastelt habe er auch privat, wann immer es ging. „Ich habe mir zum Beispiel selbst einen Gitarrenverstärker gebaut“, berichtet er.

An der Universität muss er sich jedoch neben der eigentlichen Elektrotechnik auch noch mit jeder Menge Mathematik und Informatik herumschlagen. „Das war wirklich belastend“, sagt Schumann. Zudem quält ihn der Gedanke, für den Rest des Lebens im Büro zu versauern. „Ich habe zu mir nur noch gesagt: Du musst raus. Du musst was bauen.“

Aus diesem Grund freundet er sich immer mehr mit der Vorstellung an, sein Studium ad acta zu legen und eine Ausbildung zu absolvieren. Zielgerichtet schaut er sich bei Unternehmen für Elektroberufe um und bewirbt sich unter anderem bei Drewag, Enso und der Deutschen Bahn. Diese Bemühungen sind von Erfolg gekrönt. Vor drei Jahren bekommt er schließlich die Zusage für eine Lehre als Elektroniker für Betriebstechnik bei der Drewag.

„Ich habe mich sehr darüber gefreut und dankend angenommen“, denkt der 26-Jährige noch heute gern an den Moment zurück. Im August 2010 geht es schließlich los und Robert Schumann fühlt sich auf einmal richtig gut. „Ich hatte den belastenden Druck nicht mehr, unbedingt das Studium schaffen zu müssen und habe mir gesagt, ich ziehe das jetzt durch, weil ich danach über eine abgeschlossene Ausbildung verfüge.“

Trotz der Euphorie muss er sein Leben grundlegend ändern. „Die Umstellung vom Studentenleben zum Azubi-Alltag war am Anfang nicht so einfach. Schließlich musste ich jetzt jeden Tag zeitig aufstehen und es gab in der Woche keine Partys mehr.“ Allerdings macht Robert Schumann eine interessante Erfahrung. „Obwohl ich täglich um sieben Uhr morgens zu arbeiten anfing und nicht mehr so viele Freiheiten wie ein Student hatte, bekam mir der geregelte Tagesablauf deutlich besser als das Studentenleben.“

Auf Arbeit geht er aber nicht nur, weil er muss, sondern weil ihn Themen wie Metall- und Werkstoffverarbeitung und vor allem Kabel- und Freileitungstechnik vom ersten Tag an brennend interessieren. „Im Ausbildungszentrum in Reick haben wir eine eigene Freileitungsstrecke, wo man die Strommasten hochklettert, um Leitungen zu verlegen. Das war ein sehr anschaulicher Unterricht.“

Neben den fachlichen Inhalten seiner Elektronikerlehre genießt Robert Schumann auch das gute Betriebsklima bei der Drewag. „Ich habe sehr nette Kollegen. Es macht jeden Tag Spaß, auf Arbeit zu gehen“, betont der 26-Jährige.

Mittlerweile hat er seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, und das sogar vorzeitig. „Es gibt die Möglichkeit, von dreieinhalb auf drei Jahre zu verkürzen, wenn die Noten gut sind und die Industrie- und Handelskammer mitspielt.“ Weil er bereits 26 Jahre alt ist, habe er diese Option gewählt.

Aus dem ehemaligen Studienabbrecher ist ein erfolgreicher Jungfacharbeiter geworden, der auch nach seiner Lehre der Drewag treu bleibt. Unter anderem kümmert er jetzt sich um Störungen an Hausanschlüssen und wartet elektrische Anlagen. Wenn er heute manch früheren Studienkollegen sieht, der kaum praktische Erfahrung hat und nur durch Auswendiglernen durchs Studium kommt, dann ist ihm klar: „Für mich wäre das nicht erfüllend gewesen.“

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Günther Jauch nahm zunächst ein Jura-Studium in Berlin auf, das er abbrach als ihn die Münchener Journalistenschule aufnahm. Später versuchte er erfolglos Politik und Geschichte zu studieren.

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Früher konnte Benjamin Schuster Anzugträger nicht leiden – heute lernt der Dresdner Maßschneider

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Über Umwege kam Benjamin Schuster zur Schneiderlehre.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Hinaus in die weite Welt wollte der Dresdner Benjamin Schuster schon immer. Aus diesem Grund hält ihn nach seinem Abitur nichts mehr in der Heimat. „Meine Mutter hat gesagt, dass man die Möglichkeiten, die sich durch die Wende aufgetan haben, unbedingt nutzen sollte“, erinnert sich der 33-Jährige. Als er durch einen Klassenkameraden auf das Schiffsbau-Studium an der TU Hamburg aufmerksam wird, ist er sofort Feuer und Flamme.

„Ich war immer technikinteressiert und dachte: Das ist genau mein Ding.“ Zunächst ändert sich an dieser Einstellung auch nichts, als er im Jahr 2000 in der Hansestadt die ersten Uni-Veranstaltungen besucht. „Es hat mir Spaß bereitet, dass das Studium so viele praktische Seiten hatte und wir zum Beispiel regelmäßig einen Versuchskanal für Schiffe besucht haben.“ Trotz dieser freudigen Episoden wird er am Ende mit dem Studium nicht froh. Vor allem ein Fach bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Ich habe Mathe nicht gepackt“, bedauert er.

Nach diesem Tiefschlag gibt er aber nicht auf, sondern schreibt sich stattdessen 2002 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg für Maschinenbau ein, weil das fachlich ähnlich gelagert ist. Aber auch dieses Studium ist für ihn mehr Qual als Vergnügen. „Obwohl ich Maschinenbau an einer Fachhochschule studiert habe, bin ich mit der studentischen Freiheit nicht klargekommen. Mir hat schlicht und einfach die Disziplin gefehlt.“ Zudem habe er kein Bafög mehr bekommen und musste deshalb sehr viel arbeiten.

„Wenn ich bis spät abends Regale im Supermarkt eingeräumt habe, war ich früh manchmal zu träge, um zur Uni zu gehen“, erzählt Schuster. Doch auch wenn es mehr schlecht als recht voran geht, studiert er zunächst weiter. Erst die Einführung von Studiengebühren bewegt ihn zum Umdenken. „Ich kam zwar zuvor finanziell über die Runden, aber die Gebühren wären schon eine starke Belastung gewesen“, sagt der 33-Jährige.

„Als ich abgebrochen habe, war es zwar eine Enttäuschung, aber andererseits auch eine Erlösung. Ich habe mir eingestanden, es nicht gepackt zu haben, und damit war der Kopf wieder frei.“ Nachdem er von 2007 bis 2011 noch einige Jahre als Fahrradkurier gearbeitet hatte, kommt die ernüchternde Erkenntnis: „Man wird nicht jünger. Irgendeine Ausbildung braucht man im Leben.“

Durch seine Mutter, die in Pieschen ein Stoffgeschäft hat, erfährt er durch Zufall, dass in Dresden Umschulungen zum Maßschneider angeboten werden. Diese Chance möchte er unbedingt nutzen. „Vor zehn Jahren hätte ich jedem einen Vogel gezeigt, wenn er gesagt hätte, dass ich einmal Schneider werde. Aber erstaunlicherweise liegt mir der Beruf und ich frage mich, warum ich nicht früher darauf gekommen bin.“

Im September vorigen Jahres hat er mit der Umschulung zum Herrenschneider begonnen. „Am Anfang muss man zwar ziemlich knüppeln, wenn man zum Beispiel ein Sakko nähen möchte und beim ersten Versuch vier Wochen benötigt. Mit der Zeit geht es aber immer schneller“, freut sich Schuster. Mittlerweile gefällt ihm auch persönlich die gediegene Kleidung. „Früher waren Leute im Anzug eine Bevölkerungsgruppe, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Heute bin ich aber offener und muss sagen, dass die Kleidung bequem ist und gut aussieht.“

Angesichts der Freude über seine Ausbildung kann es Benjamin Schuster auch verwinden, dass er kein Akademiker geworden ist. „Ich brauche keine prestigeträchtige Arbeit. Hauptsache mein Beruf macht mir Spaß.“

Stephan Hönigschmid

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