Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Lebensläufe: Die drei Leben des Soldaten Gerhard Bräuer

Lebensläufe: Die drei Leben des Soldaten Gerhard Bräuer

Gerhard Bräuer kommt am 13. Juli 1924 in Tolkewitz zur Welt. Das Geburtshaus in der Theodorstraße steht noch. Seine Schwester ist schon ein Jahr auf der Welt.

Der Vater der beiden hat Arbeit als Wiegemeister im Gaswerk Reick. "Er hat den Koks gewogen, den die Fuhrwerke später abgeholt haben", erinnert sich Gerhard Bräuer. Die Mutter ist wie damals üblich Hausfrau. "Ich hatte eine glückliche Kindheit", sagt der Senior rückblickend. Besonders eng ist das Verhältnis zum Vater. "Er war eine Seele von einem Menschen, hat mir vorgelebt, wie man menschlich umgeht mit anderen", betont Bräuer. Das nimmt er später als Erbe mit.

Zunächst jedoch macht sich der kleine Gerhard acht Jahre lang jeden Morgen auf den Weg in die Volksschule an der Salbachstraße. Und nachmittags lässt er Drachen steigen und spielt "Räuber und Gendarm" mit den anderen. Als es darum geht, was aus Gerhard werden soll, rät der Vater: "Werde Kaufmann, mach ein Geschäft auf, ich helfe dir." Gesagt, getan. Der junge Mann beendet seine Lehre als Industriekaufmann und arbeitet etwa ein halbes Jahr in den Asbest- und Gummiwerken "Arthur Hecker" an der Ludwig-Hartmann-Straße. Dann kommt der Krieg.

Gerhard Bräuer wird zum Arbeitsdienst einberufen. Er kommt zunächst zur Ausbildung nach Polen, später dann auf die Krim. In Polen macht er ein Martyrium durch. So ähnlich muss es auch im KZ gewesen sein, denkt er sich später manchmal. "Wir wohnten im Winter in Holzbaracken, und abends standen bereits mit Wasser gefüllte Waschschüsseln für den nächsten Tag auf der Bank. Wenn es dem sogenannten Unterführer bei der abendlichen Stubenabnahme gefiel, schüttete er unter einem Vorwand die Wasserschüssel über den Betten aus", erzählt der alte Mann. Die Männer haben dann die ganze Nacht zu tun, um wieder trockene Sachen auf den Leib zu bekommen.

Dann geht es mit dem Lkw auf die Krim: "Dort waren wir Hilfsdienstler für die Armee, haben Munition von den Güterwagen abgeladen und gestapelt", erinnert sich Gerhard Bräuer. Es ist die Zeit von Stalingrad. Eines Tages bekommt der junge Mann die Ruhr, jene schlimme Darmkrankheit. Bedingt durch den Wasserverlust wiegt er nur noch 37 Kilogramm. Da wird Bräuers Abteilung abkommandiert, um Melonen auf einem Feld zu ernten. Er kann inzwischen nicht mehr laufen, bricht zusammen. Man lässt den ausgemergelten jungen Mann auf dem Feld in der glühenden Sonne liegen mit der Bemerkung: "Wenn Se wieder laufen können, dann komm'se hinterher." "Kein Essen, nichts zu trinken, ich hab' gedacht, das ist mein Ende", berichtet Gerhard Bräuer. In dem Moment sei sein Schutzengel geflogen gekommen. Es ist ein Soldat mit einem Auto. Er entdeckt den jungen Mann.

Eigentlich darf er niemanden mitnehmen. "Du machst, was ich dir jetzt sage, ich nehm' dich hinten auf dem Wagen mit und lass' dich außerhalb von Rostow am Don in der Nähe eines Lazaretts wieder runter", sagt er zu ihm. Wie ein Sack landet Gerhard Bräuer im Straßengraben, läuft schließlich wie ein Hund auf allen Vieren. Eine russische Schwester sieht den jungen Deutschen, fährt ihn mit einer Schubkarre ins Lazarett. Zehn Tage später sagt der Arzt: "Das wird nischt, du musst nach Hause zu Muttern." - und schreibt ihm einen Transportschein aus.

Wieder kommt der Schutzengel vorbei: Der Lazarettzug Richtung Heimat startet abends, ist keine fünf Minuten unterwegs, da gibt es einen großen Knall. Gerhard Bräuer fragt einen Sanitäter, was los ist und der meint nur: "Wir haben großes Schwein gehabt, die haben gerade die Brücke gesprengt, über die wir gefahren sind." Das nächste Jahr verbringt der junge Mann in Weidners Sanatorium in Wachwitz und wird zunächst mit der Bemerkung "dienstuntauglich" entlassen.

Dann wird Gerhard Bräuer doch noch zur Marine eingezogen - als Funker. Drei Monate Westerland auf Sylt und er ist ein perfekter Seefunker. Kommt nach Norwegen und erlebt dort das Kriegsende. Seinen Schutzengel spürt der Soldat noch einmal ganz deutlich - als eine Treibmine mit ihren Fühlern an der Bordwand des kleinen Schiffes entlang schabt. Schließlich gelangt er mit einem Vorpostenboot als blinder Passagier bis Wilhelmshafen und von dort aus in die Heimat.

Als der Krieg endlich aus ist, hat der Vater wieder eine Idee: "In der Zeitung steht, dass sie Neulehrer suchen, lass dich ausbilden, das schaffst du, und dann gehst du nicht nach Dresden, sondern aufs Land, dort kriegst du Kartoffeln!" Weil Gerhard Bräuer vorm Krieg als einziger Junge weder im Jungvolk noch in der Hitlerjugend war, gilt er als Antifaschist und hat in der Sowjetischen Besatzungszone gute Karten. Er tritt in die SPD ein, nicht in die KPD. "Und eines Tages war ich dann in der SED", erinnert er sich an die Zwangsvereinigung der beiden Parteien. Zunächst geht er nach Meißen, genauer gesagt nach Dürschnitz bei Lommatzsch. Dort fehlt es an Lehrern. Gleich am zweiten Tag wird der junge Bräuer Schulleiter. Und in Dürschnitz lernt er auch seine erste Frau Hildegard kennen. 1948 heiraten die beiden. Sie arbeitet 25 Jahre als Zivilangestellte bei der Volkspolizei, fertigt die Fahrzeugpapiere aus.

Auf die Schule in Dürschnitz folgt bald eine etwas größere in Ziegenhain. Später befriedigt ihn das nicht mehr. "Es war so eintönig dort", erinnert sich der Senior. Man sagt ihm, dass er nicht herauskommt aus der Nummer, wenn er nicht studiert. Als Neulehrer hat Gerhard Bräuer ja nur eine dreimonatige Ausbildung absolviert. Also studiert der junge Mann in Erfurt Fachlehrer für Kunsterziehung. Und als er fertig ist, geht er an die Erweiterte Oberschule (EOS) - das spätere Franziskaneum - in Meißen, unterrichtet dort Kunsterziehung und übernimmt die Schule später als Direktor. 18 Jahre macht er das. Dann kommt die Aufforderung, den Meißner Kreisschulrat zu ersetzen. Gerhard Bräuer lässt sich breitschlagen. "Ich war damals für alle Lehrer und Kindergärtnerinnen im Kreis zuständig", erklärt er. Jeden Menschen ernst zu nehmen und ihm Achtung entgegenzubringen, das habe er als Erbe seines Vaters mitgenommen und praktiziert.

Einen Vorfall wird er nie vergessen: Es muss in den 1960er Jahren gewesen sein, da kreuzt Walter Ulbricht höchstpersönlich in Dresden auf, um vor den versammelten Parteimitgliedern einen Betriebsleiter namens Müller "am ideologischen Galgen hochzuziehen". "Das hat mir damals sehr missfallen und ich habe bei mir gedacht: Menschenskind, das hat es doch schon mal gegeben!", erzählt der alte Mann.

In der Zwischenzeit wachsen seine beiden Jungs Winfried und Volker heran. Der eine wird 1950 geboren, der andere 1958. Beide besuchen die EOS, beide werden später Bauingenieure. Auf seine Söhne ist Vater Bräuer stolz. "Viele Eltern sagen, das bleibt ein Leben lang unser Junge - das stimmt aber so nicht", philosophiert er. Die Kinder seien zu selbstständigen Persönlichkeiten herangewachsen. "Wenn man ihnen schon sagt, jetzt seid ihr erwachsen, dann soll man sie ihr Leben auch leben lassen und sich nicht einmischen", erklärt er bestimmt.

Zehn Jahre vor der Rente übernimmt Gerhard Bräuer die Stelle des Direktors des Pädagogischen Kreiskabinetts. Er ist verantwortlich für die Weiterbildung aller Lehrer und Erzieher im Kreis Meißen. Im Wendejahr 1989 erreicht er das Rentenalter. Seine Frau stirbt, allein bleiben will er nicht. Kurz vorm Jahrtausendwechsel lernt er über eine Zeitungsannonce Helga Werner kennen. Sie war früher Lehrerin. An Gesprächsstoff mangelt es den beiden also nicht. Frau Werner und Herr Bräuer ziehen in zwei nahe gelegene Wohnungen. Und sie unternehmen viel gemeinsam, bereisen Griechenland und Italien. Stehen gemeinsam auf der Akropolis in Athen und auf dem Petersplatz in Rom. Als sein Lied auserkoren hat Gerhard Bräuer übrigens den Song "Griechischer Wein" von Udo Jürgens. Und Auto fährt Gerhard Bräuer bis zum heutigen Tag - nach Leipzig zu seinem Sohn auf jeden Fall.

Zudem widmet sich der rüstige Rentner mehr als früher seiner Lieblingsbeschäftigung. Er malt nämlich leidenschaftlich gern. Landschaften vor allem. Mehr als 400 Bilder sind es im Laufe der Jahre geworden. Einige seiner Werke hängen sogar in Arztpraxen. "Ein Selbstporträt möchte ich gern noch malen", sinniert er.

Woran er glaubt? "Ich bekenne mich heute, dass es einen Gott gibt, ich will gar nicht wissen, wie er aussieht, ich weiß nur, dass es ein überirdisches Wesen geben muss", meint er mit Blick auf seinen Schutzengel, der während des Krieges gleich dreimal zur rechten Zeit am rechten Ort war.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.07.2014

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Bildung
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.