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Im Hamsterrad: Immer mehr Studierende brauchen psychosoziale Hilfe

Im Hamsterrad: Immer mehr Studierende brauchen psychosoziale Hilfe

"Dieses Semester ist die Härte", stöhnt Julia R. entnervt. Die Dresdnerin studiert Englisch und Spanisch auf Lehramt Gymnasien. In den Semesterferien hat die 23-Jährige vier Wochen lang ihr Praktikum an einem Dresdner Gymnasium gemacht, sich minutiös auf den Unterricht vorbereitet, insgesamt neun Stunden in der 7. und 11. Klasse gehalten.

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Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten und dazu vierwöchige Praktika in den Semesterferien: Viele Studenten sind vom immensen Arbeitspensum erschöpft.

Quelle: C. Fritzsche

Von Katrin Richter

Hinzu kam eine Belegarbeit von 25 Seiten und insgesamt drei Hausarbeiten. Nix mit Erholung also. Im neuen Semester, dem mittlerweile sechsten, steht die Bachelorarbeit an. Die hat 30 bis 40 Seiten lang zu sein. Lesen muss die Lehramtsstudentin dafür mindestens 15 Bücher. Abgabe-Termin ist Anfang Juli. Zwischendurch kommen weitere Praktika an der Schule (montags Englisch, mittwochs Spanisch) mit Unterricht halten und bei Kommilitonen hospitieren hinzu. Gar nicht zu reden von den Seminaren und Vorlesungen, die die junge Frau besuchen, den Präsentationen und Vorträgen, die sie vorbereiten und halten muss. "Ich fühle mich wie im Hamsterrad", resümiert die Dresdnerin einigermaßen erschöpft.

Sabine Stiehler kann gut nachempfinden, wie es Julia R. geht. Die Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks Dresden und ihre drei Mitarbeiterinnen bekommen jede Woche 20 bis 25 Anfragen wegen psychischer Probleme von Studenten aller Hochschulen von Dresden und Zittau /Görlitz auf den Tisch. "Unsere Beratungsstelle gibt es erst seit zwei Jahren, seitdem steigen die Anfragen, so dass wir an der Kapazitätsgrenze angelangt sind", berichtet Stiehler. Die vier Mitarbeiter (davon nur eine Vollzeitstelle) können ungefähr 80 Prozent der Ratsuchenden mit einer Erstberatung oder einem Gruppenangebot helfen.

"Jeder zweite Student, der zu uns kommt, fühlt sich von den Studienanforderungen und der Prüfungsdichte überlastet", erklärt Stiehler. Teilweise werde aber auch nicht realistisch geplant, so dass das "Aufschieben" ein Grund für die Überlastung sei. Die Studenten hätten zudem mit Prüfungsängsten, Lernschwierigkeiten, Ablösungsproblemen vom Elternhaus und depressiven Verstimmungen zu kämpfen. Am häufigsten kämen Studierende der Ingenieurwissenschaften, der Architektur, der Naturwissenschaften und der Lehrämter, so Stiehler.

Die Erfahrungen von Sabine Stiehler bestätigt Doreen Liebold in ihrer Diplomarbeit im Fach Soziologie an der TU Chemnitz. Ihr Fazit: Gestraffte Studienordnungen und schrumpfende Freiräume im Bachelor-Master-System treiben immer mehr Studenten in die psychosozialen Beratungsstellen der Studentenwerke. Liebold hatte 36 Mitarbeiter von Beratungsstellen und damit 60 Prozent der deutschen Studentenwerke befragt. "83 Prozent der Berater verzeichnen eine Tendenz zur allgemeinen Überlastung und psychischen Erschöpfung bei Studierenden", berichtet Liebold. 60 Prozent der Berater registrierten in den vergangenen fünf Jahren "einen deutlichen Anstieg von Burnout im engeren Sinne bei den Studenten".

Zur hohen Arbeitsbelastung und fehlenden Freiräumen kommen Mehrfachbelastungen von Studierenden, die Studium und Nebenjob vereinen müssen. Folgen seien Krankheitssemester, vermehrte Studienfachwechsel, Studienabbrüche. "Schreibblockaden, Versagensängste und psychosomatische Beschwerden führen dazu, dass die Freude am Studieren verloren geht", resümiert Liebold. Gefühle wie Enttäuschung und Demotivierung würden sich ausbreiten. Noch eine erschreckende Zahl nennt Liebold: "Jeder zweite Berater wurde in den Gesprächen mit Studierenden mit dem Thema Doping, also Präparaten zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, konfrontiert."

Aber wie kommt man als Student wieder heraus aus dem Hamsterrad? "Wir raten, sich Puffer zu verschaffen und zum Beispiel ein Urlaubssemester einzulegen", empfiehlt Beraterin Stiehler vom Dresdner Studentenwerk. Die Studenten sollten sich zudem Rückmeldungen und Tipps auch in den Professoren-Sprechstunden holen, Prüfungen simulieren, Lerngruppen organisieren, Netzwerke schaffen. Manchmal gehe es allerdings auch um tiefer liegende Dinge, die sich die Ratsuchenden im Laufe der Jahre zu eigen gemacht hätten. Ihr Motto: "Ich schaffe es nie" oder auch "Ich bin einfach zu dumm".

Katarina Stein, Studienberaterin für das Lehramt und die Wirtschaftswissenschaften an der TU Dresden, verweist auf DNN-Nachfrage auf die Studienordnung, die durchschnittlich 900 "Arbeitsstunden" pro Semester im Vollzeitstudium vorschreibt. Macht im Schnitt 45 Stunden pro Woche. Rein rechnerisch gesehen. Nicht inbegriffen sind eingangs erwähnte Praktika. "Doch viele Studenten kennen ihre Rechte nicht", sagt Stein. Wer sich überfordert fühle, solle nicht so durchs Studium hecheln, sondern auch mal ein Semester Pause einlegen und Luft holen, meint die Studienberaterin. Ob die Rückkehr vom Bachelor-Master-Studiengang auf das Staatsexamen Erleichterung speziell für Lehramtsstudenten wie Julia R. bringt, mag Stein nicht beurteilen. Als sicher gilt, dass der Wechsel zum Wintersemester 2012 kommen wird. Für Neueinsteiger ist das Staatsexamen Pflicht, die anderen können wählen, ob sie umsteigen oder den Master-Abschluss machen wollen.

Psychosoziale Beratung für Studierende: Studentenwerk Dresden, Dr. Sabine Stiehler, Fritz-Löffler-Straße 18, Zimmer 129 (unten rechts), offene Sprechstunde zur Klärung des Anliegens und Terminvergabe: Dienstag, 10 bis 11 Uhr, Donnerstag, 13 bis 14 Uhr, Tel.: 4 69 76 95, www.studentenwerk-dresden.de/soziales/psychosoziale-beratung.html

Studentische Beratungsangebote : Nightline Dresden, Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende, jeden Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 21 bis 1 Uhr, Tel.: 427 73 45 und via Skype, www.nightline-dresden.de

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