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Gymnastik auf dem Dach der alten DNN - Ilse Gröger hat im Zweiten Weltkrieg für die alte DNN gearbeitet

Gymnastik auf dem Dach der alten DNN - Ilse Gröger hat im Zweiten Weltkrieg für die alte DNN gearbeitet

Ilse Gröger, geborene Besser, zieht ein Jugendbildnis aus ihrem Album heraus. Das leicht vergilbte Foto ist etwa 60 Jahre alt. Ein kleines bisschen spöttisch blickt sie darauf.

Von Katrin Richter

Diesen Blick, den hat sie behalten bis heute. Nein, Ilse Gröger ist nicht unzufrieden mit ihrem Leben, sagt sie rückblickend. Und ja, sie würde alles genau so wieder machen. Nach fast 70 Jahren dürfte sie heute die Einzige sein, die das alte DNN-Gebäude am Ferdinandplatz noch von innen kennengelernt hat. Als junges Mädchen war sie in der Anzeigenabteilung beschäftigt. "Montags haben wir die Provinzzeitungen im Umland durchgeblättert und dort die Anzeigen ausgeschnitten", erinnert sie sich. Damit seien dann an die zehn Anzeigenverkäufer der alten DNN ausgeschwärmt, um ihrerseits den Firmen Anzeigen zu verkaufen. Diktate des Chefs zu Papier bringen, Anzeigen per Telefon aufnehmen - auch das gehörte zu den Aufgaben der jungen Frau. Wie lang eine Zeitungsseite war, weiß sie noch ganz genau: "4900 Millimeter mussten gefüllt werden mit Anzeigen, oder es kam eben ein Füller rein, eine Werbung für die Zeitung."

Regelmäßig wurde die junge Frau vom DNN-Gebäude am Ferdinandplatz zu diversen Dresdner Firmen geschickt. Das Bekleidungsgeschäft Cloppenburg in der König-Johann-Straße fällt ihr ein. Korrekturabzüge zum Begutachten sollte sie hinschaffen und mit einem Zettelchen zurückkehren, auf dem "In Ordnung" steht.

An Dr. Wolfgang Huck, Sohn des legendären Zeitungsverlegers und DNN-Gründers August Huck, erinnert sich Ilse Gröger lebhaft. "Huck kam zweimal im Jahr nach Dresden, wohnte dann im Hotel ,Bellevue', ging durchs Haus und schüttelte jedem die Hand." Wie sein Vater hatte er ein offenes Ohr für die Belegschaft. Der wollte immer das Beste für seine Mitarbeiter. "Auf dem DNN-Gebäude wurde ein Dachgarten angelegt, dort oben gab es sogar Liegestühle, auf denen wir uns in der Mittagspause ausruhen konnten", schwärmt Ilse Gröger. Einmal pro Woche fand die Gymnastikstunde für Frauen statt - während der Arbeitszeit wohlgemerkt. "Wir hatten bei der alten DNN auch eine Betriebsärztin und eine Krankenschwester", erinnert sich die 87-Jährige. Arbeitszeit sei von 8 bis 18 Uhr gewesen, unterbrochen von einer zweistündigen Mittagspause. "Da bin ich nach Hause essen gegangen." Selbst Rollschuhfahren hat sie bei den DNN gelernt. Auch Karl Laux, der damalige DNN-Kulturchef und spätere Rektor der Musikhochschule, ist Ilse Gröger im Gedächtnis geblieben. "Der hat doch den Gesangsverein der Zeitung geleitet."

Bis 1942 blieb die junge Frau bei den DNN. "Eines Tages musste ich zur Musterung, und als ich zurückkam, sagte der Anzeigenwerbeleiter: ,Fräulein Besser, sie werden dienstverpflichtet." An diesen Satz ihres Chefs erinnert sie sich ganz genau. Und auch die Gesinnung der Mitarbeiter in der alten DNN ist ihr noch gegenwärtig: "Das waren alles keine Hitlerfreunde." Nur noch aus der Ferne bekam sie mit, dass Hucks viel gelesene Tageszeitung 1943 mit dem Dresdner Anzeiger zur Dresdner Zeitung zwangsvereinigt wurde.

Sie selbst kam zur Druckerei Meinhold & Söhne an der Schandauer Straße als Sekretärin. "Dort wurden die Karten mit dem Kriegsverlauf gedruckt", sagt sie. Und auch das: "Wir wussten genau, dass das Ende bevorstand." Eine 60-Stunden-Woche habe sie zum Schluss gehabt. Dann kam der Angriff.

Das Haus in der Ammonstraße, in dem Ilse und ihre Mutter wohnten, fiel den Bomben im Februar 1945 zum Opfer. Ihren Vater, dem die Drogerie an der Ammonstraße gehörte, hat sie nie kennengelernt. "Er starb an Krebs eine Woche, bevor ich geboren wurde." Nachdem Mutter und Tochter einige Tage im zerbombten Dresden umhergeirrt waren, machten sie sich nach Hartmannsdorf bei Frauenstein auf, kamen bei einem Großbauern unter. "Der Leidensweg war noch nicht zu Ende", notierte sie ein Jahr später in ihrem Tagebuch. Als der 7. Mai 1945 kam und mit ihm die russischen Panzer, flohen Mutter und Tochter in den nahen Wald, übernachteten im Försterhaus, kehrten am nächsten Morgen zunächst unversehrt zurück ins Dorf. "Was sich in den folgenden drei Tagen im Haus des Bauern abgespielt hat, darüber möchte ich schweigen", heißt es in Ilses Tagebuch. Sie werde immer Angst vor Russen haben.

Fünf Jahre später lernte sie ihren Mann Arthur in der Ratsdruckerei Dresden, ihrer neuen Arbeitsstelle, kennen. Er war Technischer Direktor dort, 25 Jahre älter als sie und Witwer. Sein Vater, Paul Gröger, war SPD-Mitglied und bis 1933 Bürgermeister von Heidenau. Er widersetzte sich damals der Anordnung, die Hakenkreuzflagge auf dem Rathaus zu hissen, wurde anschließend abgesetzt und nahm sich schließlich im August 1933 wegen der erlittenen Demütigungen das Leben. "Vor zwei Jahren hat mir der jetzige Bürgermeister von Heidenau deshalb einen Brief geschrieben", berichtet die Schwiegertochter.

Noch 1950 heiratete Ilse "ihren Arthur", ging mit ihm nach Berlin und trat aus lauter Liebe zu ihm auch in die SED ein, "obwohl er es nie verlangt hat". Dass sie noch zu DDR-Zeiten ihr Parteibuch zurückgab, hatte für sie als damalige Hausfrau keine Konsequenzen. "Ich habe meinen Glauben, ich passe in keine Partei", begründet sie ihren Austritt. Zeitweilig erledigte Ilse Gröger in der Berliner Staatsoper Schreibarbeiten. "Eine zauberhafte Welt", findet sie noch heute - deutlich schöner als die Atmosphäre im Großen Haus in Dresden. Dort arbeitete sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat bis 1970 als Sekretärin. Arthur war inzwischen Rentner. Er starb 1980, 31 Jahre sind sie verheiratet gewesen. Sie würde die nächsten 30 Jahre allein klarkommen müssen. Tat sie auch und tut es noch heute. "Ich hab' meine Prinzipien, da lass' ich mir nicht reinreden", sagt sie. Und setzt ihr kleines spöttisches Lächeln auf.

Alte Menschen haben viel zu erzählen. Wir stellen Ihnen in loser Folge Dresdner vor, die keine Schlagzeilen liefern, die uns aber aufregende und auch anrührende Geschichten berichtet haben, Begebenheiten aus längst vergangener und aus jüngster Zeit. Heute geht es um Ilse Gröger, die in jungen Jahren in der DNN-Anzeigenabteilung gearbeitet hat, im Februar 1945 aus Dresden flüchtete, später ihrem Mann nach Berlin folgte und schließlich nach Dresden zurückkehrte.

Wenn Sie, liebe Leser, einen Menschen in Ihrer Umgebung kennen, der eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns (DNN-Lokalredaktion, Hauptstr. 21, 01097 DD, z.Hd. Katrin Richter bzw. k.richter@dnn.de, Kennwort: "Lebensläufe")

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.11.2011

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