Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Geschichte: Begegnungen mit Kindheitslosen

Geschichte: Begegnungen mit Kindheitslosen

Stille herrscht im Saal, als Nina Tschetwerkina zu erzählen beginnt. Anders als die der rund 80 Elftklässler in der Aula des Julius-Ambrosius-Hülße-Gymnasiums war ihre Kindheit weder behütet noch unbeschwert.

Voriger Artikel
Über 3500 Erzieher und Lehrer demonstrieren in Dresden für besseres Bildungspaket
Nächster Artikel
Solartechnik: Kleine Bastler mit großen Visionen

Sophie (15, l.) im Gespräch mit Nina Tschetwerkina (Mitte), Nadjeshda Tscherkashina (hinten l.), Lehrerin Harriet Kuhnert (hinten r.) und Jelena Zhabina.

Quelle: D. Flechtner

Im Alter von elf Monaten wird sie 1942 mit ihrer Familie von den Nazis in ein Konzentrationslager nach Wismar verschleppt. Dann verkauft man alle zur Zwangsarbeit an ein Landgut. Mitten im Winter schuften die Menschen spärlich bekleidet auf einem Feld. Als das Buchenwald-Lied, die Hymne der russischen KZ-Häftlinge, durch die Aula hallt, kann sie noch 70 Jahre später die Tränen nicht zurückhalten.

Ihr Los teilten Millionen sowjetischer Bürger. Vier von ihnen waren gestern zu Gast in Dresden. Ihre schockierenden Geschichten erzählen von Tod, Grausamkeit und dem Leid der Jüngsten - denn sie alle waren Kinder, als der Schrecken des Krieges sie einholte. Wer könnte es den Überlebenden verdenken, wenn sie Hass auf alles Deutsche empfänden? Doch die vier Frauen haben anders entschieden. Ihr Weg heißt Vergebung. In der Vereinigung ehemaliger minderjähriger Häftlinge faschistischer Lager setzen sie sich dafür ein, dass das Erlebte nicht in Vergessenheit gerät. "Es gibt keine schlechten Völker", betont Nina Tschetwerkina, "nur schlechte Menschen." Und gute. Ihr Leben verdankt sie der Menschlichkeit des Gutsverwalters, der die Häftlinge heimlich mit Nahrung und Kleidung versorgte.

Nach Dresden geholt hat die Delegation Hannelore Danders. Seit fast 20 Jahren kämpft sie mit ihrer Gesellschaft zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland gegen das Vergessen. Gemeinsam mit dem 87-jährigen Viktor Maximow, den sie 1992 in den Wirren des Truppenabzuges in Dresden traf, will die resolute 80-Jährige auf die Schicksale der Opfer von damals aufmerksam machen, deren Leid mit dem Kriegsende 1945 längst nicht beendet war. In einem Buch hat Maximow den menschenverachtenden Umgang mit ehemaligen Zwangsarbeitern und vermissten Soldaten besprochen, die unter Stalin als Vaterlandsverräter verfemt und interniert wurden.

In Deutschland beobachtet Hannelore Danders außerhalb der offiziellen Gedenkakte eine besorgniserregende Kälte gegenüber den russischen Kriegsopfern: "Die Stadt konnte sich nicht herablassen, einen Bus für den Transfer von Berlin nach Dresden bereitzustellen, und auch die Gemäldegalerie konnte sich lediglich zu 2,50 Euro Rabatt durchringen." Die Reisekosten für fünf Personen konnte der Verein nur mithilfe von Spenden und privaten Initiativen aufbringen.

Im Rahmen eines gemeinschaftlich mit der Häftlingsvereinigung initiierten Projektes waren im April zwei Schülerinnen der 10. Klasse des Hülße-Gymnasiums für eine Woche gen Osten aufgebrochen, um mit ehemaligen Häftlingen zu sprechen. Am 11. April wohnten Carolin (16) und Sophie (15) den Feierlichkeiten für Kriegsveteranen am Poklonnaja Gora bei und begegneten zahlreichen Zeitzeugen. Ihre Erlebnisse dokumentierten sie in einer Broschüre und stellten sie gestern den Veteranen vor. "Das Projekt war sehr interessant, aber auch anstrengend", beschreibt Carolin, während die gebürtige Ukrainerin Sophie professionell als Dolmetscherin fungiert. Unvergesslich wird für beide vor allem der Besuch in Podolsk bleiben, wo die Mädchen einen Buchenwald-Überlebenden interviewten.

Als der ehemalige Offizier Maximow schildert, wie er als 17-Jähriger die Schultasche gegen das Gewehr tauschte, dass von 17 Schülern seiner Klasse nur vier am Leben blieben, wird das Publikum lebendig. Ob er Zeuge deutscher Kriegsverbrechen wurde, fragt ein Schüler. Maximows Antwort ist die eines weisen Mannes, dem man nichts mehr vormachen kann: "Es war Krieg, und der bringt das Tier im Menschen hervor. Als ich unsere verwüsteten Dörfer und unsere massakrierten Kinder sah, wollte ich töten! Ja, ich wollte nach Deutschland gehen und um mich schießen!" Nichts gebe es da zu beschönigen. Statt zu töten, gründete er später den ersten deutschen Soldatenfriedhof in Russland mit. Von den jungen Leuten im Saal wünscht er sich vor allem eines: "Mischt euch ein und bewahrt den Frieden!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.06.2012

Jane Jannke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Bildung
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.