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Geisteswissenschaften auf der Kippe? - Studentenräte der TU warnen vor unausgewogenen Kürzungen

Geisteswissenschaften auf der Kippe? - Studentenräte der TU warnen vor unausgewogenen Kürzungen

Unter dem Motto "Kürzer geht's nicht" steigt heute in Leipzig eine der größten sächsischen Bildungsdemos der letzten Jahre. Erwartet werden bis zu 3000 Teilnehmer, in erster Linie Studenten.

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Eric Hattke (li.) und Andreas Spranger vom Studentenrat.

Quelle: Norbert Neumann

Im Mittelpunkt des Protestes steht der geplante Stellenabbau an den Hochschulen im Freistaat. Über die konkrete Situation an der TU Dresden sprachen die DNN mit Andreas Spranger und Eric Hattke vom hiesigen Studentenrat.

Wie viele Teilnehmer aus Dresden konnten Sie für die Bildungsdemo mobilisieren?

Eric Hattke: Im Vorfeld lässt sich dies natürlich schwer abschätzen, aber wir haben auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen für die Demo geworben, etwa über die Fachschaftsräte und die studentischen Zeitungen. Darüber hinaus ist ein 1000 Personen fassender Sonderzug gebucht. Dieser startet um 9.30 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof auf Gleis 17 und macht zwischendurch einmal Station in Freiberg.

Warum sollen die Dresdner bei der Bildungsdemo in Leipzig Flagge zeigen?

Eric Hattke: An der dortigen Universität kämpfen renommierte Studiengänge wie Theaterwissenschaft, Pharmazie und Archäologie um ihr Überleben. Um auf die Missstände hinzuweisen, wurde das Ideal der Volluniversität mit einem schwarzen Sarg in den Hörsälen bereits symbolisch zu Grabe getragen. Schuld an dieser prekären Situation ist der vom sächsischen Wissenschaftsministerium auferlegte Stellenabbau, den die Rektorate umsetzen müssen.

Aber von diesen Stellenstreichungen ist die TU Dresden dank des Erfolgs bei der Exzellenzinitiative doch befreit?

Andreas Spranger: Leider nein. Es gibt lediglich die Zusage des Ministerpräsidenten, den Abbauprozess für einige Jahre auszusetzen. Gleichzeitig hat Ministerin Schorlemer im Januar dieses Jahres im Landtag erklärt, dass die errechneten Stellenkürzungen der TU Dresden nicht auf die anderen sächsischen Hochschulen umgelegt werden. Von den landesweit abzubauenden 1042 Stellen entfallen auf die TU um die 400 - und die müssen trotz des Exzellenz-Prädikats früher oder später weg.

Welche Studiengänge sind aus Ihrer Sicht besonders gefährdet?

Andreas Spranger: Da es bislang keinerlei offizielle Aussagen darüber gibt, kann ich nur spekulieren. Allerdings bin ich mir sicher, dass Fächer wie Chemie und Mathematik weitestgehend unangetastet bleiben, da sie vielfältige Wechselwirkungen mit anderen Studiengängen vorweisen können. Das größte Potenzial für Kürzungen sehe ich bei den Geisteswissenschaften. Fächer wie die Musikwissenschaft sind schon jetzt sehr schlecht aufgestellt und im Zuge der Umstruktierungen werden Stellenstreichungen noch leichter möglich sein.

Weil die TU die bisherigen 14 Fakultäten zu fünf großen "Schools" bündelt?

Andreas Spranger: Ganz genau. Der neue Bereich der Geisteswissenschaften setzt sich zusammen aus der Erziehungswissenschaftlichen, der Philosophischen und der Juristischen Fakultät sowie der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften und der für Wirtschaftswissenschaften. An dieser "School" wird dann ein Drittel der gesamten TU Dresden studieren. Und bei solch einem großen Stück viele relativ kleine Teile abzuschneiden, fällt sehr viel weniger auf, als bei der alten Fakultätsstruktur.

Eric Hattke: Oft kommt in dieser Diskussion ja das Argument, dass die Geisteswissenschaften eben nicht so wirtschaftlich erträglich arbeiten wie die Ingenieurswissenschaften, weil sie deutlich weniger Drittmittel einwerben. Meiner Meinung nach geht es hier aber vor allem um eine Kulturfrage, nämlich wie wir mit dem kostbaren Gut der Bildung umgehen. Betrachten wir Bildung als eine Dienstmagd der Wirtschaft und lehren nur, was auf dem freien Markt im Moment gebraucht wird, oder soll Bildung nach humanistischem Bildungsideal wirklich frei sein?

Es wäre aber doch ebenso fatal, bei den stark nachgefragten Studiengängen den Rotstift anzusetzen...

Andreas Spranger: Das kann keiner wollen, richtig. Aber die Kürzungen sollten, wenn sie schon sein müssen, ausgewogen über die gesamte Universität stattfinden. Und ich befürchte, dass eben dies nicht passiert und die Geisteswissenschaften besonders stark geschröpft werden, vielleicht sogar bald komplett auf der Kippe stehen. Dabei sollte man sich auch einmal den Sinn dieser Fächer in Erinnerung rufen. Denn in Zukunft werden wir immer mehr Menschen brauchen, die moderne technische Entwicklungen und deren Ziele kritisch hinterfragen.

Die Universität in Leipzig hat eine weit zurückreichende geisteswissenschaftliche Tradition. Womöglich sollte man diese stärken und sich stattdessen an der TU Dresden wieder auf die Ingenieurswissenschaften konzentrieren?

Andreas Spranger: Solch ein Szenario plant das sächsische Wissenschaftsministerium im aktuellen Hochschulentwicklungsplan bereits und wir lehnen diesen Weg kategorisch ab. Technik und Geisteswissenschaften sollten sich gegenseitig befruchten und dies gelingt unserer Meinung nach nur an einem gemeinsamen Standort und nicht zwischen zwei verschiedenen Universitäten.

Viele der Professoren, die die Geisteswissenschaften nach der Wende in Dresden aus dem Nichts aufgebaut haben, gehen demnächst in Rente. Ist es nicht wahrscheinlich, dass deren Studiengänge und damit ein Stück Lebenswerk auf diesem Weg einfach verschwinden?

Andreas Spranger: Ich hoffe es nicht, aber natürlich wäre dies mit Blick auf die erforderlichen Stellenkürzungen ein bequemer Weg für das Rektorat. Aus meiner Arbeit im Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät weiß ich, wie sehr viele dieser Professoren mittlerweile resignieren. Wenn wir in diesem Gremium über die Zukunft der Geisteswissenschaften an der TU Dresden sprechen und die Professoren zynischer sind als die Studenten, ist dies ein ganz schlechtes Zeichen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.06.2014

Christoph Stephan

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