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Geister auf der Hörsaalbank: Scheinstudenten wollen keine Abschluss sondern Vergünstigungen

Geister auf der Hörsaalbank: Scheinstudenten wollen keine Abschluss sondern Vergünstigungen

Marie* hat zwei Semester an einer Uni über vierhundert Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt studiert. Den Hörsaal hat sie dabei nicht ein einziges Mal betreten.

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Scheinstudent oder wirklich Student? Die Wahrheit verschwimmt immer mehr.

Quelle: Patrick Pleul, dpa

Denn die gebürtige Dresdnerin war zwar an der Uni eingeschrieben, die Absicht dort wirklich zu studieren, hatte die Mittzwanzigerin jedoch nie. Marie war eine von schätzungsweise aktuell Zehntausenden Deutschen, die nur deswegen eingeschrieben sind, weil sie sich auf diesem Weg Extraleistungen erschleichen können: Sondertarife bei Versicherungen, kostenlosen ÖPNV, verbilligte Kinobesuche und subventionierte Mahlzeiten in der Mensa. Den Studis winken gebührenfreie Bankkonten, bezuschusste VHS-Kurse und rabattierte Mitgliedschaften in Fitnessstudios. Wer eingeschrieben und unter 25 Jahre alt ist, kassiert vom Staat auch noch Kindergeld obendrauf.

Statistiken über die Anzahl der Fake-Studenten gibt es nicht. Stichproben lassen aber erahnen, dass an manchen Fakultäten fast jeder dritte Immatrikulierte nur zum Schein studiert. Besonders beliebt sind dabei Fächer, bei denen es keine oder kaum Zulassungshürden zu überwinden gilt - beispielsweise Mathe und Physik. So hat im vergangenen Jahr eine Umfrage an allen Hochschulen, die einen Physik-Bachelor anbieten, Erstaunliches gezeigt: Nur 65 Prozent aller eingeschriebenen Erstsemester tauchten tatsächlich auf der Hörsaalbank auf.

Auch Marie ist ein solcher Geist auf der Hörsaalbank und noch nie an ihrem vermeintlichen Studienort gewesen. Die Einschreibung nahm sie ganz unkompliziert im Internet vor. Nur ein paar Klicks, eine kurze Online-Überweisung - und wenige Tage später landete der Studentenausweis in ihrem heimischen Briefkasten.

Strafrechtlich wenig zu befürchten

Wie viele solcher Phantome in den Karteien der TU Dresden herumgeistern, weiß niemand so wirklich. Wie auch? Schließlich kann die Uni das schlecht überprüfen. Laut dem TU-Sprecher Karsten Eckhold hätten sich im Wintersemester 2013/14 insgesamt 9233 Studenten im 1. Fachsemester und 5274 Studenten im 1. Hochschulsemester an der TU immatrikuliert. "Wie viele davon wirklich das Studium begonnen haben, können wir nicht wissen. Es gibt ja keine Pflicht zum Besuch von Lehrveranstaltungen", teilte er auf DNN-Anfrage mit.

"Grundsätzlich ist das schon Betrug", erklärt die Dresdner Fachanwältin für Arbeits- und Verwaltungsrecht Christiane Wagner. Der werde zwar in der Regel mit einer Geld- oder Freiheitstrafe bis zu fünf Jahren geahndet. Das Problem dabei ist aber: "Der Betrugsversuch lässt sich nicht nachweisen", erläutert Wagner. Es sei eine grundrechtlich verbürgte Freiheit der Studierenden, zu entscheiden wie sie ihr Studium gestalteten. Scheinstudenten hätten deshalb strafrechtlich wenig zu befürchten. "Einzig nach vier Semestern ohne Prüfung droht die Zwangsexmatrikulation hier in Sachsen", führt die Expertin aus. Bezieht ein Scheinstudent BAföG, ist das ohne Studienabschluss vollständig zurückzuzahlen.

Auch in Elbflorenz bringt das vorgegaukelte Studi-Dasein mächtig viele Vorteile: Dresdner Studenten können zum Beispiel mit dem Semesterticket für 166,20 Euro mit Bus und Bahn in der Stadt und in Sachsen mit Regionalzügen der deutschen Bahn ein ganzes Semester lang fahren. Die Dresdner Verkehrsbetriebe scheinen sich dennoch nicht ausgenutzt zu fühlen. "Das Ticket ist ja mit dem Semesterbeitrag bezahlt, den muss jeder - egal ob Schein - oder richtiger Student zahlen", sagte DVB-Sprecherin Anja Ehrhardt. Zudem hätten die Verkehrsbetriebe sowieso keine Handhabe über die Vergabe der Tickets, die obliege den Studentenwerken. Ähnlich sehen das auch die Krankenkassen. AOK und Techniker Krankenkasse erklärten, dass bei Vorlage einer Immatrikulationsbescheinigung eben ein Anspruch auf eine Studentenversicherung bestehe. Scheinstudenten können nämlich auch hier richtig sparen: Eine studentische Kranken- und Pflegeversicherung kostet um die 78 Euro. Die meisten Berufstätigen zahlen - je nach Einkommen - mindestens das Doppelte.

Nicht nur Schmarotzer

Alles nur Betrüger, verwöhnte Billigheimer, Schmarotzer ohne Moralbewusstsein? Wohl kaum. Denn einem Großteil geht es nicht unbedingt nur darum, bei Krankenkassenbeiträgen und Monatskarten ein paar Groschen zu sparen. Marie konnte das Semesterticket für die 400 Kilometer entfernte Stadt an ihrem Wohnort sowieso nicht nutzen. Den Masterabschluss hatte sie schon längst in der Tasche. Von einer Festanstellung war sie jedoch weit entfernt. Vielmehr wollte sie den Übergang vom Studenten- und Arbeitsleben nutzen, um praktische Erfahrungen während eines Praktikums zu sammeln. Ohne eine Studienbescheinigung landen die meisten Bewerbungen jedoch direkt im Papierschredder der Personalabteilung. Der Grund: Ohne den Studentenstatus müssen die Unternehmen ihre Praktikanten versichern. Vielen Firmen ist das aber einfach zu teuer.

Dass gerade Berufsanfänger ihren neuen Lebensabschnitt mit einem Scheinstudium beginnen, scheint symptomatisch für die heutige Berufswelt. Denn nicht das Scheinstudium, sondern der Übergang ins Berufsleben ist das Problem. Diese Erfahrung hat auch Marie gemacht. Denn würde die Politik einen Plan machen, der den Absolventen einen Einstieg in den Arbeitsalltag auch finanziell erleichterte - dann würden viele Phantomstudenten ihr Schattendasein sicher begraben. Doch solange gut ausgebildete junge Leute auf ihrem Weg in den Job alleingelassen werden, wird der ein oder andere die gebotenen Schlupflöcher weiter nutzen.

*Name von der Redaktion geändert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.07.2014

DNN

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