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Ganze Kerle - doch die besseren Frauen - Zwei junge Dresdner werden Erzieher

Ganze Kerle - doch die besseren Frauen - Zwei junge Dresdner werden Erzieher

Wenn ich mich an meine Zeit im Kindergarten zurückerinnere, dann denke ich sofort an Marita und an Marion. Das waren nicht meine Sandkasten-Freundinnen, nein, das waren meine Erzieherinnen.

Zwei recht resolute Frauen, die nicht nur Mama spielen, sondern mitunter auch mal streng sein mussten. In der anderen Kindergarten-Gruppe gab es noch Jutta und Andrea. Erzieherinnen, so weit meine Erinnerung reicht - aber wo waren die Männer?

Einige Jahre später, ich bin erwachsen. Und nicht nur ich, sondern auch die Zeiten haben sich geändert. Erzieherinnen gibt es immer noch, keine Frage. Sogar noch ziemlich viele. Dennoch hat ein Umdenken stattgefunden, in den Köpfen der Menschen und in den Kitas. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich heute immer mehr junge Männer für die Ausbildung zum Erzieher entschließen. "Der zwischenmenschliche und direkte Kontakt mit den Kindern war ausschlaggebend für meine Entscheidung", erklärt Sebastian Liebe. Er und Felix Teichert sind zwei junge Männer aus Dresden, die am Beruflichen Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen (BSZ) "Karl August Lingner" ihre Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher machen. Beide sind im dritten schulischen Ausbildungsjahr und demnach bald fertig.

Eine Voraussetzung für die Zulassung am BSZ ist ein Berufsabschluss mit guten bis sehr guten Noten. Felix ist Tischler, Sebastian Bankkaufmann. Doch irgendwann haben beide gemerkt, dass die jeweiligen Berufe doch nicht das Wahre für sie sind. "Mir hat das Zwischenmenschliche gefehlt", meint auch Felix. "Als Tischler habe ich meistens monotone Arbeit gemacht. In einer Kita dagegen ist man jeden Tag aktiv mit dabei und wird eingebunden. Kein Tag gleicht dem anderen, man weiß nie, was auf einen zukommt."

Die jungen Männer haben schon zuvor Kita-Luft geschnuppert. Der 24-jährige Sebastian hat in einem Hort seinen Zivildienst geleistet, der ein Jahr jüngere Felix ein Jahrespraktikum in einer Kita absolviert. Dabei haben sie gemerkt, dass Geduld, Kreativität und Feinfühligkeit allein nicht reichen. Als staatlich anerkannte Erzieher müssen sie über ein breit gefächertes und hohes Fachwissen verfügen, wenn es darum geht, den Alltag mit und für Kinder und Jugendliche förderlich zu gestalten. Aber auch verschiedene Formen der Elternarbeit und Kompetenzen in der Gesprächsführung müssen sie erlernen. Denn die Eltern der Kinder und Jugendlichen sind in ihrer Arbeit nie wegzudenken. Aktuelle gesellschaftliche Themen wie Interkulturalität, soziale Ungleichheit oder Integration spielen ebenso eine wichtige Rolle. Man sieht: Die Ausbildung ist interdisziplinär angelegt und anspruchsvoll - was Felix und Sebastian für ihr Ziel aber gerne in Kauf nehmen.

Mich interessiert, wie es denn auf der anderen Seite aussieht. Wie sind die Reaktionen seitens der Eltern und Kollegen? Hat man es als männlicher Erzieher schwerer? "Im ländlichen Raum sind die Eltern ab und zu noch erstaunt und verwundert, wenn ein Mann in der Kita arbeitet", meinen beide. Aber hier in Dresden würden es die meisten Eltern schon kennen. "Sie bekommen die positive Resonanz über die Kinder", erklärt Sebastian. Und Geschlechterklischees, Männer würden mit den Kindern ausschließlich Fußball spielen oder den Handwerker in der Kita abgeben, sind von vorgestern, das wissen mittlerweile die meisten.

Über die Jahre hat sich also viel getan. Pro Klasse hat das BSZ zwischen drei bis vier junge Männer, die die schulische Ausbildung zum Erzieher absolvieren. Zugegeben, das ist nicht viel. Aber eine Steigerung ist deutlich auszumachen. Was auch gut ist - denn Männer haben einfach einen anderen Draht zu Kindern, das ist nicht zu leugnen. "Männer streiten und diskutieren ganz anders als Frauen. Und gerade Jungs in Kitas brauchen Männer", betont Felix. Sebastian kann ihm da nur zustimmen. "Die Quote von Alleinerziehenden ist hoch. Der Mann in der Kita ist da eine Konstante", meint er. Von den vielen verschiedenen Frauen und Männern können die Einrichtungen nur profitieren. "Definitiv mehr Männer in die Kitas!" ist daher ihre Devise.

Ich bin von den beiden beeindruckt. Sie haben ihr Ziel vor Augen und sind in ihren Aussagen ehrlich und authentisch. Sie wollen die Lücke füllen, die sich in so manchem Kopf und in so mancher Kita finden lässt. Dass das nicht immer einfach ist, ist beiden klar. Aber das, was sie von den Kindern zurückbekommen, ist ihnen wichtiger. Mal gegen den Strom zu schwimmen lohnt sich also. Ein bisschen Mut gehört sicher dazu, aber wo kämen wir hin, wenn sich das niemand mehr trauen würde?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.12.2012

Annette Thoma

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