Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Google+
Erziehungswissenschaftler Peter Struck: Kinder mit fünf Jahren einschulen

Votrag in Dresden Erziehungswissenschaftler Peter Struck: Kinder mit fünf Jahren einschulen

Kinder sollten schon mit fünf Jahren eingeschult werden, aber erst ab Klasse 9 Noten bekommen. Dafür plädiert Prof. Dr. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Heute hält er in Dresden einen Vortrag über "Hirngerechtes Lernen".

Voriger Artikel
Ortsbeirat Dresden-Prohlis: Gymnasium-Standort an der Windmühlenstraße
Nächster Artikel
TU Dresden würdigt Prof. Dr. Wolfgang Donsbach

Kinder sollten schon mit fünf Jahren eingeschult werden und Drei- und Vierjährige eine zweijährige obligatorische Vorschule besuchen, meint Peter Struck.

Quelle: dpa

Dresden. Kinder sollten schon mit fünf Jahren eingeschult werden, aber erst ab Klasse 9 Noten bekommen. Und sie müssten jahrgangsübergreifend lernen dürfen. Dafür plädiert Prof. Dr. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Heute hält er vor Pädagogen am Gymnasium Dreikönigschule in der Neustadt einen Vortrag über "Hirngerechtes Lernen".

Kinder sollten schon mit fünf Jahren eingeschult werden, sagen Sie. Warum?

Entwicklungspsychologen berichten uns, drei- bis fünfjährige Kinder sind so gebaut, dass sie eigentlich nur durch Rituale lernen wollen. Das heißt, wir müssen ihnen nichts begründen. Sie machen das nach, was wir ihnen vormachen. In unserer immer komplexer, immer komplizierter werdenden Welt wird es für kleine Kinder immer schwieriger, eine gute Anstrengungs- und Ordnungskultur aufzubauen. Die allerletzte Chance, das leicht zu lernen, liegt im Alter von fünf Jahren. Bei Sechsjährigen brauchen Sie schon den zehnfachen Aufwand, und es kommen nur noch 30 Prozent dabei heraus. Deshalb fordert die EU-Schulkommission in Brüssel von allen 28 Mitgliedsländern die Einschulung der Kinder mit fünf Jahren und eine zweijährige obligatorische Vorschule für alle Drei- und Vierjährigen.

Sie sind auch dafür, Kindern nicht schon von der 2. Klasse an Noten zu geben wie in Sachsen, sondern erst ab Klasse 9. Hemmt das nicht den Leistungswillen?

Entwicklungspsychologen und Hirnforscher haben herausgefunden, dass Kinder mindestens bis zum 13. Lebensjahr wesentlich mehr lernen, wenn sie keine Noten bekommen. Wenn man einem achtjährigen Jungen Zensuren gibt, lernt er nicht für sich, nicht für die Sache, um die es geht, und schon gar nicht für seine Zukunft, sondern vor allem für die Noten. Und allenfalls lernt er noch, damit die Mama nicht weint oder ihn anschreit.

Welche Länder sind denn aus Ihrer Sicht in Sachen Notengebung vorbildlich?

Die skandinavischen Länder. In Norwegen und Schweden bekommen Schüler zum ersten Mal in Klasse 9 Noten, in Dänemark ab Klasse 8 und in Finnland ab Klasse 7.

Lernen Mädchen anders als Jungen?

Jungen lernen vor allem durch Ausprobieren. Das ist ihre Art zu lernen. Wenn sie als kleine Kinder Fehler machen und dafür eine schlechte Zensur bekommen, dann geben sie sich zunehmend auf. Mädchen können viermal so häufig wie Jungen durch Lesen, durch Zuhören und durch Sehen etwas lernen. Nur zehn Prozent aller Jungen sind in der Lage, sich auf diese Weise etwas anzueignen. Umgekehrt heißt das, dass 60 Prozent aller Mädchen und 90 Prozent aller Jungen etwas durch Handeln und Ausprobieren, also auch durchs Fehlermachen lernen. Deshalb ist es sehr unpraktisch, wenn wir bei kleinen Kindern das Fehlermachen bestrafen, weil wir ihnen schlechte Noten geben. Damit benachteiligen wir gezielt die Jungen.

Wo stehen denn Deutschlands beste Schulen?

Wir haben in Deutschland 42 000 Schulen. Davon sind mittlerweile 5000 außerordentlich leistungsstark - besser als die besten finnischen und schwedischen Schulen. Sachsen steht zwar immer auf Platz 1 bei den Bundesländer-Vergleichsstudien. Aber wenn man genau hinguckt, stellt man fest, dass die allerbesten Schulen in der Regel die Privatschulen sind. Wenn von 3000 Privatschulen 2500 erwiesenermaßen leistungsstark sind, ist das ein sehr hoher Prozentsatz. Wir haben festgestellt, dass es vor allem im Ruhrgebiet und in Bremen besonders viele gute Schulen gibt.

Woran liegt das?

Es gibt dort viele zerfallene Familien, häufig Arbeitslosigkeit, extrem viele Kinder mit ausländischen Wurzeln und völlig verrottete Schulgebäude. Die Lehrer haben gesagt, hier müssen wir etwas anders machen mit dem Lernen, damit die Kinder auch in der Zukunft ankommen.

Was machen sie denn anders?

Sie haben zum Beispiel Ganztagsschulen eingerichtet, die jahrgangsübergreifendes Lernen anbieten - am besten machen sich zwei Jahrgänge in einem Raum. Wir haben uns lange überlegt, wer eigentlich mal auf die blöde Idee gekommen ist, Kinder ausgerechnet nach Geburtsjahrgängen unterzubringen. Das gibt es ja sonst nirgendwo - nicht bei Kinderchören und auch nicht bei Fußballmannschaften. Das war eine Erfindung der vormilitärischen Erziehung Preußens.

Warum sollten ältere und jüngere Kinder gemeinsam lernen?

Ganz einfach: Wenn man Kinder jahrgangsübergreifend unterbringt, wird der Lehrer deutlich entlastet. Denn die älteren Schüler können den jüngeren ganz viel erklären. Durch das Erklären lernen wir alle viereinhalb Mal so viel wie durch zuhören. Und Kinder lernen von anderen Kindern doppelt so viel wie von noch so guten Erwachsenen. Und dann hat die Lehrerin endlich Zeit, sich einzelnen Kindern zuzuwenden, die etwas noch nicht verstanden oder ein Verhaltensproblem haben.

Lernen Kinder anders als früher?

Ja. Mit Fernsehgerät, Playstation, Computer und Smartphone sind Kinder von heute in ihrem Hirn anders vernetzt als frühere Generationen und lernen deshalb auch ganz anders.

Welchen Einfluss haben Gewaltspiele auf die kindliche Psyche?

Wir wissen heute sehr genau, wie Gewalt entsteht. Die Hirnforscher sagen uns, wenn schon kleine Kinder hunderttausende Male immer wieder auf Wesen auf dem Bildschirm schießen, dann passiert in ihrem Hirn das Gleiche wie bei den Kindersoldaten im Osten Afrikas, weil die Grafiken der Computerspiele immer realistischer werden. Schon kleine Kinder trainieren demnach also Gewalt.

Gespräch: Katrin Richter

Vortrag von Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck über "Hirngerechtes Lernen", heute, 13.30 Uhr, Gymnasium Dreikönigschule, Louisenstraße 42

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Bildung
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.