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Entscheiden Sie sich! DNN-Gespräch mit Thomas Goschke, Professor für Allgemeine Psychologie an der TU Dresden

Entscheiden Sie sich! DNN-Gespräch mit Thomas Goschke, Professor für Allgemeine Psychologie an der TU Dresden

Frage: Die Auswahlmöglichkeiten sind heute wesentlich größer als noch vor 20 Jahren.Prof. Dr. Thomas Goschke: In der Tat: Wir können aus einer Unmenge von Möglichkeiten wählen.

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Prof. Dr. Thomas Goschke

Quelle: Martin Förster

Frage: Die Auswahlmöglichkeiten sind heute wesentlich größer als noch vor 20 Jahren. Inwiefern wird es schwieriger, Entscheidungen zu treffen?

Prof. Dr. Thomas Goschke: In der Tat: Wir können aus einer Unmenge von Möglichkeiten wählen. Im Supermarkt beispielsweise haben wir Tausende von Produkten zur Auswahl. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen zwar viele Auswahlmöglichkeiten bevorzugen, sich dann aber oft überfordert fühlen. Konnten Probanden zwischen 30 Brotaufstrichen wählen, waren sie am Ende unzufriedener mit ihrer Wahl als Probanden, die nur sechs Fruchtaufstriche zur Auswahl hatten. Überlastet fühlten sie sich besonders dann, wenn sich die Optionen sehr ähnelten und der Aufwand des Abwägens den möglichen Nutzen überwog.

Nicht alle Menschen reagieren gleich-

Ja, es gibt Menschen, die sehr perfektionistisch an Entscheidungen herangehen. Dies kann dazu führen, dass sie die Entscheidung aufschieben oder später darüber grübeln, ob eine andere Wahl vielleicht besser gewesen wäre. Andere sagen sich: Okay, ich wähle einfach eine Konfitüre, die mir einigermaßen schmeckt, es muss nicht die beste sein. Fakt ist: Die meisten Entscheidungen im Alltag müssen wir unter Unsicherheit treffen. Wir können niemals 100prozentig vorausberechnen, wie glücklich wir mit einem Ergebnis sein werden.

Welche Strategien helfen, eine gute Entscheidung zu fällen? Lässt sich das trainieren?

Menschen verwenden beim Entscheiden häufig intuitive Daumenregeln. Dies ist grundsätzlich auch keine schlechte Strategie, kann aber mitunter zu gravierenden Fehlurteilen führen. Ein Beispiel: Sollen Personen einschätzen, ob es wahrscheinlicher ist, bei einem Terroranschlag zu sterben oder im Swimmingpool zu ertrinken, so wird das Risiko, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, oft überschätzt. Schuld daran ist das Spektakuläre daran. Man hat die Bilder aus den Medien sofort im Kopf und schließt daraus intuitiv auf die Wahrscheinlichkeit. Die Psychologie kann dazu beitragen, dass Menschen sich solcher Einflüsse bewusst werden. Für ebenso wichtig halte ich es, statistisches Denken und den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten zu trainieren.

Wie kommt es, dass wir eine Entscheidung, die wir getroffen und in die Tat umgesetzt haben, am nächsten Tag bereuen und am liebsten wieder rückgängig machen würden?

Das hat zu tun mit Konflikten zwischen kurz- und langfristigen Zielen und Anreizen. Ein Beispiel: Wir wollen gesund leben, schlank bleiben. Das sagt die eine Person in uns. Wenn wir dann aber abends im Restaurant sitzen und das köstliche Dessert unseres Tischnachbarn sehen, verwandeln wir uns in eine ganz andere Person und geben dem kurzfristigen Anreiz nach.

Was macht man, um nicht schwach zu werden?

Es gibt eine Reihe von Strategien. Odysseus hat sich an den Mast seines Bootes fesseln lassen, um nicht von den Sirenen mit ihrem verführerischen Gesang in den Abgrund gerissen zu werden. Er hat also vorhergesehen, dass er später einer Versuchung nicht widerstehen wird. Auf den Alltag übertragen: Wenn Sie jemand sind wie ich, der manchmal nachts Heißhunger auf etwas Süßes bekommt, dann kaufen Sie möglichst nichts Süßes ein. So machen Sie es ihrem nächtlichen Ich schwerer, der Versuchung nachzugeben.

Was tun Sie aber, wenn Sie schon in der Situation sind, ohne zuvor Vorsorge getroffen zu haben?

Dann kann es helfen, innezuhalten und sich noch einmal die langfristigen Folgen vor Augen zu führen. Sollten Raucher z.B. beim Anblick einer Zigarette ihre Aufmerksamkeit auf die langfristigen Folgen lenken, so verminderte dies die Aktivität in Hirnregionen, die das Nikotin-Verlangen steuern. Andere Studien legen nahe, dass ein Training der Aufmerksamkeitskontrolle hilft, im Alltag Ziele gegen kurzfristige Versuchungen abzuschirmen.

Welche Rolle spielen "Bauchgefühle" bei Entscheidungen?

Wenn wir eine Person zum ersten Mal anschauen, entscheiden wir automatisch, ob sie vertrauenswürdig ist. Wie machen wir das? Wir greifen auf Hinweise zurück, die wir aus früheren Erfahrungen mit anderen Personen, deren Mimik und Gestik gelernt haben. Diese Hinweise lösen emotionale Signale aus, die unsere Entscheidung beeinflussen, ohne dass wir uns deren Grundlage bewusst werden. Auch hier gilt: Diese Gefühle müssen uns nicht in die Irre führen, können es aber. Intuitive Eindrücke sind nur dann gute Ratgeber, wenn sie auf verlässlichem Erfahrungswissen beruhen.

Welche Gehirnprozesse und unbewussten Vorgänge sind an Entscheidungen beteiligt?

In den vergangenen 20 Jahren hat sich ein ganzes neues Forschungsfeld entwickelt - die "Neuroökonomie". Man verbindet Untersuchungsmethoden der Psychologie mit bildgebenden Verfahren - z.B. der Magnetresonanztomographie - um Entscheidungsprozesse zu erforschen. Aus vielen Studien weiß man inzwischen, dass es im Gehirn nicht eine einzelne Region gibt, die das "Entscheidungssystem" verkörpert, sondern Entscheidungen auf komplexen Netzwerken beruhen. Diese umfassen Regionen, die an Denk- und Planungsprozessen beteiligt sind, aber auch Strukturen, die mit Emotionen und Belohnungen zu tun haben. Wie diese Netzwerke zusammenarbeiten, ist eine der großen ungelösten Forschungsfragen.

Sie sind Sprecher des neuen Sonderforschungsbereichs "Volition und kognitive Kontrolle" an der TU. Was hat es damit auf sich?

Es handelt sich um einen Forschungsverbund aus 18 Teilprojekten, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 11 Millionen Euro für zunächst vier Jahre gefördert wird. Etwa 70 Wissenschaftler aus Psychologie, Medizin und Neurowissenschaften an der TU Dresden sowie Partner an der Charité in Berlin sind in dem Verbund tätig. Unser Ziel ist es herauszufinden, welche psychologischen und neurobiologischen Mechanismen der willentlichen Steuerung menschlicher Handlungen zugrunde liegen und wie es zu Beeinträchtigungen der Selbststeuerungsfähigkeit - z.B. bei der Drogensucht - kommt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.02.2013

Katrin Richter

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