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Ein Reigen fließender Bilder - warum ein Hörender die Sprache der Gehörlosen lernt

Ein Reigen fließender Bilder - warum ein Hörender die Sprache der Gehörlosen lernt

Lässiger Look, freundliches Auftreten - Andreas Mischke ist ein junger Mann wie viele andere. Nach der Banker-Lehre holt er das Fachabi nach, geht nach Zwickau zum Studium, arbeitet heute wieder in Dresden - als Dolmetscher.

Von Jane Jannke

Nach Feierabend trifft er sich gern mit Freunden. Doch da ist etwas, das den 31-Jährigen maßgeblich von den allermeisten seiner Mitmenschen unterscheidet.

Mittler zwischen den Welten

Was das ist, zeigt sich, als Andreas Mischke vor wenigen Tagen die Redaktionsräume der Dresdner Neuesten Nachrichten betritt. An diesem Tag begleitet er DNN-Gast-Chefredakteurin Julia Probst, Internet-Aktivistin und unlängst sogar zur Bloggerin des Jahres 2011 gekürt. Für die 28-Jährige wird Andreas Mischke in den folgenden 45 Minuten zur Brücke in eine andere Welt, die gleichzeitig auch seine eigene ist - denn Julia Probst ist taub. Im Gegensatz zu den versammelten Hörenden am Tisch spricht Mischke ihre Sprache - die Gebärdensprache. "Sie ist die eigentliche Muttersprache der Gehörlosen", erklärt Andreas Mischke. Und er beherrscht sie als einer der wenigen Hörenden.

Die Arbeit in der Bank macht Mischke nicht glücklich. Als er zufällig am "schwarzen Brett" den Studiengang zum Gebärdendolmetscher entdeckt, spricht ihn das auf faszinierende Weise an. Zu Gehörlosen habe er zu diesem Zeitpunkt nie Kontakt gehabt, sagt er. Die Lücke schließt er, als er ein vorbereitendes Praktikum am Zwickauer Gehörlosenzentrum macht. "Diese Menschen sind eigentlich wie alle anderen, mit der Ausnahme, dass sie nicht hören können und deshalb auch die Lautsprache oft nur marginal beherrschen."

Innerhalb der Gesellschaft leben sie dennoch meist in einer eigenen Welt, geschützt gegen die Berührungsängste der Hörenden. Meist werden sie in Sonderschulen wie der Johann-Friedrich-Jencke-Schule unterrichtet - der einzigen Schule für Hörgeschädigte in Dresden. 135 Jungen und Mädchen lernen hier. Zwar gibt es zunehmend Bestrebungen, hörgeschädigte Kinder und Jugendliche in allgemeinbildende Schulen zu integrieren. Dennoch würden sie von der Mehrheitsgesellschaft nach wie vor oft als anders wahrgenommen, auch wenn die Vorbehalte insgesamt nachgelassen hätten, so Mischke. "Vor 130 Jahren wurde die Gebärdensprache als Unterrichtssprache an Schulen verboten - durch hörende Gehörlosenpädagogen", erzählt der Dolmetscher. Das blieb 100 Jahre lang so. Auch in der DDR war die Gehörlosensprache verpönt, mussten Betroffene unter Zwang das Sprechen lernen. Diese Form der Unterdrückung habe das Hörenden-Bild der Gehörlosen stark geprägt - bis heute.

Bildsprache im Wandel

Berührungsängste habe er selbst nie gehabt - "Auch wenn die Leute oft blöd gucken." Als Gebärdensprachler falle man einfach immer auf, schon aufgrund der ausgreifenden Gestik und der oft extrem überzogenen Mimik. Hemmungen sind da fehl am Platz. Hoch kapriziös sieht das aus, wenn Andreas Mischke mit seinen Armen und Händen fließende Bilder formt, die er zu Sätzen anordnet, die nur Eingeweihte zu deuten wissen. Fast wie eine Geheimsprache.

"Tatsächlich ist die Mimik noch wichtiger als die Gestik, da darüber Stimmungen und Gefühlslagen ausgedrückt werden." Und doch, so der 31-Jährige, lerne man die Gebärdensprache auf dieselbe Weise wie jede andere Fremdsprache - am besten natürlich von einem Muttersprachler. Zwei Jahre brauchte er, um sich ein Grundvokabular anzueignen, mit dem er sich halbwegs sattelfest mit einem Gehörlosen verständigen konnte.

"Die Gebärdensprache ist eine natürlich gewachsene Sprache, die von Land zu Land anders ausfällt. Sogar unterschiedliche Dialekte gibt es von Region zu Region." Oft werde sie fälschlicherweise für rückständig und primitiv gehalten, dabei habe sie sogar eine ganze eigene Grammatik. "Zuerst wird immer die Zeitform angezeigt, dann die eigentliche Aussage formuliert", erklärt Mischke. Manchen dürfte es erstaunen, dass auch die Gebärdensprache so etwas wie Slang kennt. Oder wussten Sie, dass die Gebärde für Angela Merkel zwar politisch korrekt mit dem Zeichen für "merken", wohl aber auch mit einem Augenzwinkern über die Andeutung heruntergezogener Mundwinkel funktioniert?

Wie jede Sprache ist die Gebärdensprache lebendig und ständigem Wandel unterworfen, weiß Andreas Mischke. Für die Gehörlosen ist sie nicht nur Kommunikationsmittel, sondern Dreh- und Angelpunkt einer ganz eigenen Kultur - und in die begibt sich Mischke regelmäßig auch privat, um den Anschluss nicht zu verlieren, wie er erklärt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.05.2012

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