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Dresdner Student Max Röpcke bericht von seinem Jahr in Shanghai

Dresdner Student Max Röpcke bericht von seinem Jahr in Shanghai

Der Dresdner Maschinenbaustudent Max Röpcke (23) hat im September sein Studium unterbrochen, um für ein Dreivierteljahr in der chinesischen Millionenmetropole Shanghai zu arbeiten.

Für Jugendfrei berichtet er von seinen ersten Erlebnissen und den Startschwierigkeiten in der Riesenstadt mit ihren 23 Millionen Einwohnern.

Als ich vor fünf Wochen auf dem Shanghai Pudong International Airport landete, hatte ich eine lange Reise hinter mir. Zwei Tage dauerte der Flug von Frankfurt nach China. Auf der letzten Etappe von Abu Dhabi nach Shanghai hatte ich einen Fensterplatz ergattert. Die meisten würden sich darüber freuen, aber für meine Knie reichte der Platz einfach nicht. So stolperte ich mit verdrehten, krampfenden Beinen die Gangway hinunter, griff meinen Koffer vom Förderband, ließ meinen Reisepass von einem blau uniformierten Beamten abstempeln und trat erschöpft in die Flughafenhalle.

Hier herzukommen, war nicht einfach. Ich hatte mich im vergangenen Winter entschieden, mein Maschinenbaustudium an der TU Dresden zu unterbrechen und für ein Dreivierteljahr eine Stelle beim US-amerikanischen Unternehmen Inficon in Shanghai anzutreten, das Gasanalysegeräte herstellt. Den Job zu bekommen, war kein Problem. Alle Formalitäten zu erfüllen, um ein Arbeitsvisum vom chinesischen Konsulat in Berlin zu erhalten, gestaltete sich jedoch wesentlich schwieriger. So konnte ich meine Reise erst mit einer Woche Verspätung beginnen, da lange Zeit das Visum fehlte.

Im Flughafenterminal wurde ich empfangen wie in einem alten Hollywoodfilm. In der riesigen Halle stand verloren ein Chauffeur von Inficon und hielt ein Schild in die Höhe, auf dem in großen Lettern mein Name geschrieben stand. Er packte einen meiner Koffer und ich folgte ihm durch die Menschenmassen zu einer großen schwarzen Limousine. Kaum waren wir losgefahren, begann er in einem sehr bruchstückhaften Englisch auf mich einzureden. Neun Monate hatte ich einen Chinesisch-Sprachkurs an der Uni besucht. Als ich jetzt den Versuch unternahm, mit Chang in seiner Muttersprache zu reden, erntete ich nur ein beherztes Lachen und mir wurde klar, dass ich lange brauchen würde, um mich in diesem Land einzuleben.

Zunächst galt es eine eigene Wohnung zu finden, was sich aufgrund meiner fehlenden Sprachkenntnisse als sehr schwierig herausstellen sollte. Neben Hongkong wird in keiner chinesischen Stadt so viel Englisch gesprochen wie in Shanghai. Außer auf meiner Arbeit habe ich davon nicht viel mitbekommen. Nicht, dass ich mich nicht ein wenig auf Chinesisch ausdrücken könnte, aber der Shanghaier Dialekt und die schnelle Art der Einheimischen zu sprechen, machen es mir unmöglich, die jeweiligen Betonungen, die den Lauten einen Wortsinn geben, zu unterscheiden. Zum Glück war da Meijan, die mir half, mich mit den Vermietern zu verständigen. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich auch nie in den Genuss eines Handyvertrages gekommen. Kennengelernt haben wir uns bereits in Dresden, wo die gebürtige Hongkongerin ein Auslandssemester absolvierte. Jetzt studiert sie an der Fu Dan Universität weiter. Meijan war es auch, die mich zusammen mit einigen ihrer Kommilitonen mit auf eine Karaoke-Party nahm. Das Klischee stimmt - Chinesen stehen total auf Karaoke! Bis auf wenige Ausnahmen, wie Bon Jovi und Fools Garden, steht aber kaum westliche Musik zur Verfügung. So hatten die chinesischen Studenten große Freude daran, wie ich "Langnase" reisweingeschwängert in perfekter Manier den Song "Lemon Tree" zum Besten gab.

Nach einigen Wochen gelang es mir dann doch, eine Wohnung in einem 30-Geschosser im Huangpu-Viertel zu finden. Huangpu ist ein südlicher Innenstadtbezirk von Shanghai, der am linken Ufer des Huangpu-Flusses liegt. Dass dieses Viertel eines der ältesten in der Stadt ist, würde man auf den ersten Blick nicht denken. Zu groß und zu zahlreich sind die sogenannten "compounds". Riesige geschlossene Wohnanlagen, die sich über die kleinen, traditionellen Holzhäuser erheben. Die Straßen sind brechend voll. Überall wird unter miserabelsten hygienischen Bedingungen Essen zubereitet. Lebensmittel werden teilweise direkt von der dreckigen Straße in den Kessel geschmissen und zu Suppen gekocht. Etwas gewöhnungsbedürftig... Allerdings: Obwohl ich seit fünf Wochen täglich an den Straßenküchen esse, habe ich noch keine Magenprobleme bekommen.

Generell sind Lebensart und Lebensumstände in China nicht mit den deutschen Gebräuchen zu vergleichen. Meinen größten Kulturschock erlebte ich am ersten Oktober. An diesem Tag wird in China der Nationalfeiertag zu Ehren der Gründung der sozialistischen Volksrepublik durch den Führer Mao Tsedong im Jahre 1949 gefeiert. Die Straßen in Shanghai sind zwar immer hoffnungslos überfüllt, und wenn ich mit meinen fast zwei Metern nicht 30 Zentimeter größer wäre als der Durchschnittschinese, würde ich in permanenter Platzangst leben. Am Nationalfeiertag allerdings habe ich mich nicht vor die Tür getraut. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um den Festumzug und das abendliche dreistündige Feuerwerk zu bestaunen. Das Militär musste sämtliche Metrostationen im Stadtzentrum sperren, um eine Massenpanik zu vermeiden. Ein kurzer Blick aus dem Fenster auf die Menschenmasse, die wie eine zähe Flüssigkeit durch die Kapillaren der Stadt floss, reichte für den Entschluss aus, an diesem Tag zu Hause zu bleiben.

Seit September bin ich hier, und ich frage mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis ich mich an die puren Ausmaße dieser Stadt, die Leuchtreklamen, die Sprache und die Tatsache gewöhnt habe, dass ich nur einer von 23 Millionen bin.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.11.2012

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