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Dresdner Gymnasiasten auf Spurensuche im tschechischen Lidice

Dresdner Gymnasiasten auf Spurensuche im tschechischen Lidice

Diese Begegnung werden die fünf Neuntklässler aus dem Gymnasium Bühlau sicherlich nicht so schnell vergessen: In den Winterferien waren sie für drei Tage in Lidice, jenem tschechischen Dorf, das die Wehrmacht vor 70 Jahren in einer Vergeltungsaktion dem Erdboden gleich machte.

Und sie trafen dort Vaclav Zelenka, der als Vierjähriger "eingedeutscht" wurde und in Bühlau lebte. DNN sprachen mit Lara-Sophie und Nils über die Fahrt, die das Ökumenische Informationszentrum und das Evangelische Stadtjugendpfarramt anknüpfend an ein Ganztagsangebot der Schule organisiert hatte.

Frage : Was genau habt ihr euch angeschaut in Lidice?

Lara-Sophie : Mich hat das Denkmal für die Kinder, die damals nach der Deportation ermordet worden sind, beeindruckt. Es sind 82 lebensgroße Bronzestatuen. Aber die Statuen sehen den Kindern, die damals in Lidice gewohnt haben, nicht ähnlich. Das wollte man nicht, damit es für die Hinterbliebenen nicht noch schwerer wird.

Nils : Es gibt dort auch ein Museum, das an die Verbrechen der Nazis erinnert. Und von dem alten Dorf hat man noch die Fundamente von Kirche und Schule gesehen. Nach dem Krieg wurde Lidice ja 300 Meter entfernt wieder aufgebaut.

Ihr habt auch mit Vaclav Zelenka gesprochen. Er hat damals in Lidice gelebt und ist auch dorthin wieder zurückgekehrt. Was hat er erzählt?

Lara-Sophie : Vaclav Zelenka hat uns das so berichtet: Er war im Juni 1942 fast vier Jahre alt. Die Deutschen kamen und trennten sofort seinen Vater von ihm und seiner Mutter. Später hat er erfahren, dass die Nazis den Vater wie alle Männer, die älter als 15 Jahre waren, am nächsten Tag erschossen hat. Zelenka kann sich noch erinnern, dass ihn die Leute von der Gestapo immer wieder aufmerksam gemustert haben. Er war nämlich blond und hatte blaue Augen. Deshalb gehörte er zu den Kindern, die für eine "Germanisierung" ausgewählt wurden. Die anderen sind später in Konzentrationslagern umgebracht worden.

Was ist weiter mit Vaclav Zelenka geschehen?

Nils : Man hat ihn seiner Mutter weggenommen. Er war erst in mehreren Kinderheimen und ist dann genau am 13. Februar 1945 früh in Bühlau angekommen. Eine Familie hatte ihn adoptiert. Hanna und Rolf Wagner wohnten in Bühlau, gleich hier in der Nähe auf dem Treberweg 2. Zelenka hat uns erzählt, dass die Frau als erstes zu ihm gesagt hat: "Du bist Rolf Wagner." Sie war nicht sehr nett zu ihm und hat ihn wohl oft geschlagen. Mit dem Vater hat er sich viel besser verstanden.

Was ist aus seiner richtigen Mutter geworden?

Lara-Sophie : Sie hat das KZ in Ravensbrück überlebt und alles daran gesetzt, um ihren Sohn wiederzufinden. Im Mai 1947 haben sich Vaclav Zelenka und seine Mutter dann in Prag wiedergetroffen. Er hat gesagt, dass vor ihm auf einmal eine fremde Frau stand, die nur tschechisch sprach. Seine Mutter wollte ihn mit neun Jahren sogar wieder in die 1. Klasse ge- hen lassen, weil sie ihn nicht verstand.

Hat Zelenka die Dresdner Familie noch einmal gesehen?

Nils : Den Vater Karl nicht. Der war 1966 an Krebs gestorben. Um ihn hat er sehr getrauert. Die Mutter kam ein Jahr später zu Besuch. Und Vaclav Zelenka hat uns gesagt, dass er froh gewesen ist, als sie wieder fort war.

Was macht ihr mit all dem, was ihr erfahren habt?

Lara-Sophie : Wir sind dabei, einen kleinen Film zu drehen. Andere Leute sollen sehen, was damals passiert ist, dass es das Dorf Lidice gab, dem diese Tragödie passiert ist.

Gespräch: Katrin Richter

-  Lidice ist eine Gemeinde in Tschechien; sie liegt etwa 20 Kilometer westlich von Prag

-  während des Zweiten Weltkriegs zerstörten die Nationalsozialisten 1942 Lidice als Racheaktion nach dem tödlichen Attentat auf die Nazi-Größe Reinhard Heydrich

-  127 Männer des Dorfes, die älter als 15 Jahre waren, wurden erschossen; 195 Frauen wurden nach Ravensbrück deportiert, 52 von ihnen dort ermordet

-  98 Kinder gab es in Lidice; die meisten wurden in KZs deportiert und vergast, einige von ihnen wie Vaclav Zelenka zur "Germanisierung" ausgesondert und nach Deutschland gebracht

-  Lidice wurde in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich vom Reichsarbeitsdienst eingeebnet

-  nach dem Krieg wurde Lidice 300 Meter vom alten Ort entfernt neu aufgebaut

-  weibliche Überlebende kehrten aus der Gefangenschaft zurück und konnten im neuen Lidice ab 1949 wohnen

-  an der Stelle des früheren Lidice befinden sich heute eine Gedenkstätte und ein Museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.03.2012

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