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Dresdner Experte: Fach Schönschrift wieder einführen

Dresdner Experte: Fach Schönschrift wieder einführen

Da beißt die Maus keinen Faden ab: Verglichen mit den zum Teil wie in Stein gemeißelten Handschriften ihrer Großeltern muten die Schreibübungen der Kinder von heute recht kraklig an.

Von Katrin Richter

Dabei gilt in Sachsen nach wie vor die bereits zu tiefsten DDR-Zeiten eingeführte Schreibschrift. Ganz anders sieht es in Hamburg aus. Seit Herbst steht es den Grundschulen dort frei, ob sie den Abc-Schützen wie bisher die Schreibschrift oder die sogenannte Grundschrift beibringen. Letztere besteht aus lauter einzelnen Buchstaben, die nicht mehr miteinander verbunden werden müssen. Den Kleinen bleibt selbst überlassen, ob und an welchen Stellen sie das tun.

Bildungsagentur: "Schreibschrift verliert an Bedeutung"

In Sachsen und damit auch in Dresden gilt heute noch die Schulausgangsschrift (SAS), die bereits 1968 in der DDR eingeführt wurde. Nach Informationen von Katrin Reis, Sprecherin der Bildungsagentur, Regionalstelle Dresden, schreibt der sächsische Lehrplan vor, dass die Kinder zunächst die Druckbuchstaben und erst später die Schreibschrift lernen sollen. Begründung: Den Schülern begegne auf Plakaten, in Zeitungen, Büchern sowie auf dem Computerbildschirm zuerst die Druckschrift. Und es gebe kaum noch Gelegenheiten, schön zu schreiben. "Die Korrespondenz per Brief und Karte hat stark an Bedeutung verloren und selbst persönliche Aufzeichnungen werden immer mehr per Computer und Handy erledigt", so Reis.

Ganz außen vor ist die Schrift aber noch nicht: "Für sich und andere schreiben" nennt sich ein Lernbereich in der Grundschulzeit. Die Kinder sollen da u.a. lernen, wie man eine Einladung und einen Brief schreibt, den Schreibraum einteilt und eigene Texte übersichtlich gestaltet.

"Die Schüler müssen mindestens so sauber schreiben, wie meine Tafelbilder sind", erklärt Frank Haubitz, Chef des Philologenverbandes und Leiter des Gymnasiums Klotzsche, mit einem Augenzwinkern. Bis zu zweieinhalb Jahre benötige er mitunter, um Schülern beizubringen, wie man Gleichheits- und Vorzeichen ordentlich setzt. "Wenn ich in Mathe Schüler kritisiere, dass der Antwortsatz nur so strotzt vor Fehlern, bekomme ich manchmal als Antwort, dass man schließlich nicht im Deutschunterricht sitze", so Haubitz.

Sechs bis sieben verschiedene Handschriften hat Mathias Gläsel, Leiter der 30. Grundschule, im Laufe der Jahre ausprobiert. "Mal habe ich mehr nach links, mal mehr nach rechts, mal kleiner und mal wieder größer geschrieben", berichtet er. Letztendlich sei er jedoch wieder zur Schulausgangsschrift zurückgekehrt.

Einer schönen Handschrift nicht gerade zuträglich sind die ansonsten sehr sinnvollen Arbeitsblätter im Werkstattunterricht an der Grundschule, findet Gläsel. "Da fehlt die Lineatur, so dass die Kinder ihre Antworten irgendwie in die weißen Felder krakeln", moniert er. Das Fach "Schönschrift" würde er aber trotzdem nicht wieder einführen wollen. "Das wäre schade um die Zeit", glaubt der Schulleiter. Für sinnvoll hält er aber, die Kinder mal wieder gegenseitig Briefe schreiben zu lassen statt nur E-Mails hin- und herzuschicken. "Das hat ihnen auf jeden Fall Spaß gemacht", hat Gläsel beobachtet.

Einer, der sich auskennt mit alten Schriften wie Sütterlin, Kurrent und Fraktur, ist Franz Neugebauer. Der Dresdner Lehramtsstudent ist Mitglied im "Bund für deutsche Schrift und Sprache" und bietet im Schulmuseum an der Seminarstraße Schreibkurse für "Deutsche Schrift" an. Auf die Idee, sich alte Schriften anzueignen, hat ihn seinerzeit seine Oma gebracht: "Ich war zehn oder elf Jahre, da hat sie mir die deutsche Verkehrsschrift beigebracht", erinnert er sich. Später habe er sich dann selbst Bücher dazu gekauft.

"Lehrern fehlt Zeit, um auf Schrift der Schüler zu achten"

Neugebauer, der noch zu DDR-Zeiten in die Schule gegangen ist, hatte noch das Fach "Schönschrift". "Wenn ich dürfte, würde ich das Fach wieder einführen", betont er. Das Schriftbild vieler Kinder lasse heute arg zu wünschen übrig. Den Lehrern fehle einfach die Zeit, um durchgehend auf die Schrift der Schüler zu achten, meint Neugebauer. "Die Regel: Nur das, was nicht lesbar ist, ist falsch, halte ich für nicht gut", sagt er. Lediglich einen Punkt für ein miserables Äußeres abzuziehen, tue nicht weh und animiere die Schüler daher kaum, sich in Sachen Schrift anzustrengen.

Folgende Schulschreibschriften unterscheidet man:

Kurrentschrift : war seit Beginn der Neuzeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts allgemeine Verkehrsschrift im gesamten deutschen Sprachraum

Sütterlin : 1914 entwickelt, spezielle Form der Kurrentschrift; wurde 1941 von den Nazis verboten

Lateinische Ausgangsschrift : in den 1950er Jahren in der BRD eingeführt; gilt heute u.a. in Baden-Württemberg

Schulausgangsschrift : gilt seit 1968, lernen Kinder bis heute in Sachsen

Vereinfachte Ausgangsschrift : aus der lateinischen Ausgangsschrift entwickelt; gilt heute u.a. in Bayern

Grundschrift : besteht aus Buchstaben, die miteinander verbunden werden können, in Hamburg eingeführt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.03.2012

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