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Dresdner Bibliothek der Zukunft: Keine Leihstation, sondern Haus der Bildung

Dresdner Bibliothek der Zukunft: Keine Leihstation, sondern Haus der Bildung

Arend Flemming: Sie ist kein Buchmuseum, keine Ausleih-Station. Die Bibliotheken werden sich konzeptionell breiter als Bildungseinrichtung positionieren müssen, um ihre Existenzberechtigung in der modernen Gesellschaft zu beweisen.

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Ihm ist um das gedruckte Buch nicht bange: Arend Flemming.

Frage: Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus?

Erreichen die Bibliotheken vielleicht irgendwann nur noch Randgruppen, als eine Art Instrument, um Defizite auszugleichen, die freier Markt und Gesellschaft nicht zu schließen vermögen?

Nein - kommunale Bibliotheken stehen in der Mitte der Gesellschaft, werden von Jungen wie Alten genutzt, fördern ehrenamtliches Engagement und bieten eine kollektive Möglichkeit, sich zu bilden. Defizitausgleiche gehören natürlich auch dazu - indem wir zum Beispiel die Lesefreude von Kindern aus bildungsfernen Familien fördern, in denen sonst nie gelesen wird. In Dresden mag das noch kein so großes Problem an. Aber gucken Sie sich nur mal Berlin-Kreuzberg an...

Sie kennen sicher auch all jene Studien, die eine abnehmende Fähigkeit der jüngeren Generation diagnostizieren, sich auf längere Texte zu konzentrieren. Ein Buch ist wohl das Beispiel par exellence für einen langen Text...

Ich kenne die pessimistischen Prognosen, teile sie aber nicht. Sicher haben sich die Lesegewohnheiten geändert. Das ,Internet-Lesen', die mangelnde Konzentrationsfähigkeit, das schnelle Springen und Abspringen sind nicht wegzudiskutieren. Aber unsere Leihstatistiken sprechen eine andere Sprache: Belletristik und Kinderliteratur sind enorm gefragt. Das echte ,Blätterbuch' hat keine schlechten Ausleihzahlen. Eher bin ich skeptisch, dass sich das haptisch so andere eBuch wirklich durchsetzt - jedenfalls für lange Romane.

Apropos eBook: Der Internethändler Amazon hat kürzlich seine Leihbücherei in Deutschland freigeschaltet, während der Deutsche Bibliotheksverband Alarm schlägt, die Verlage würden durch unverschämte Preise für Leih-eBücher die Bibliotheken vom eBuch-Markt ausschließen. Droht Leihbüchereien in diesem Wachstumsmarkt das Abseits?

In der Tat gibt es Verlage, die von uns für eBooks doppelte Ladenpreise haben wollen. Das ist nicht akzeptabel. Der Bibliotheksverband hatte für solche Themen extra eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der auch der Chef unserer Dresdner eBibo Mitglied war. Er hat mir nun erzählt, dass sich die AG aufgelöst hat - weil der Börsenverein des Buchhandels nicht mehr mit uns reden will. Das ist sehr bedenklich.

Andererseits: Wenn der freie Markt ein funktionierende eBuch-Leihsystem aufbaut - warum sollten wir dann mit Steuergeldern das gleiche tun? Ich sehe die Bibliotheken der Zukunft ohnehin eher als Beratungs-Tankstellen. Ich breche jedenfalls nicht in Tränen aus, wenn das eBook-Geschäft private Wege geht.

Auch durch die Kassenlage der Kommunen könnten die Bibliotheken unter Druck geraten. 2019 läuft der Solidarpakt aus, die Konjunktur flaut anscheinend ab. Kann sich da Dresden überhaupt das - im Vergleich zu vielen West-Städten - recht dichte Stadtteil-Bibliotheksnetz auf Dauer leisten?

Unser Netz arbeitet effektiv, das zeigen die guten Ergebnisse im Bundesvergleich BIX immer wieder. Ich bin überzeugt, dass dieses dezentrale Netz erhalten bleiben kann und muss: Bürgernähe und Wohnortnähe sind ein wichtiger Schlüssel, dass die Bibliotheken solch einen starken Rückhalt in Dresden haben und behalten.

Sie haben von der Zukunft der Bibliotheken als Bildungseinrichtungen gesprochen. Was konkret stellen Sie sich darunter vor?

Dieses Konzept wollen wir künftig im Kulturpalast demonstrieren. Dort stellen wir zum Beispiel Selbstverbuchungsautomaten auf und verzichten auf die klassische Leih-Theke. Dadurch sparen wir dort genug Arbeitszeit, um dafür die Öffnungszeiten auszudehnen. Wir denken da an Montag bis Sonnabend jeweils von 10 bis 20 Uhr.

Konzeptionell möchten wir dort den Weg weitergehen, den schon die Jugendbibliothek ,medien@age' eingeschlagen hat. Es soll auf zwei Etagen sechs selbstständige Bereiche für Kinder, Jugend, Belletristik, Sachbücher, Reisen und Musik geben, von selbstständigen Teams organisiert. Dort stehen nicht Bücherregale im Mittelpunkt, sondern die Aufenthaltsqualität.

Das kann man sich wie vorstellen?

Wir wollen den Besuchern Raum lassen. Es wird individuelle Lernplätze, aber auch Gruppenkabinen geben, neuartiges Mobiliar, das es so noch nirgendwo gibt, vielleicht sogar Laptops, die man sich am Eingang holt und mit denen man dann dort arbeitet, wo man Lust hat. Ein Konzept für die mobile Gesellschaft von heute und morgen eben.

Viele interessante Ideen wurden schon von kommunalen Haushaltsnöten begraben. Hat der Finanzbürgermeister keine neuen Sparforderungen gestellt?

Wir befürchten Einschnitte für den Medien-Etat. Auch überlegen wir, auf einige Haltestellen der Fahrbücherei zu verzichten, um mit einem statt zwei Lastern auszukommen. Und wir müssen unsere Öffnungszeiten optimieren.

,Optimieren' heißt meist ,kürzen'...

Letztlich, in der Summe: ja. Aber wir wollen das so machen, dass wenig nachgefragte Zeiten wegfallen und dafür da und dort sogar draufgesattelt wird.

Müssen Sie Filialen schließen?

Nein. Das schließt freilich Umzüge nicht aus. Für die Bibliothek Neustadt haben wir zum Beispiel nun einen neuen Standort gefunden. Das DVB-Hochhaus ist vom Tisch. Ein privater Investor wird in einer Lücke an der Königsbrücker Straße zwischen Albertplatz und Louisenstraße einen Neubau für uns errichten, den wir dann anmieten.

Mit Blick auf den heutigen "Tag der Bibliotheken" hat DNN-Redakteur und Stammleser Heiko Weckbrodt den Direktor der Städtischen Bibliotheken, Arend Flemming, ausgefragt: Wo er die Zukunft der kommunalen Leihbüchereien sieht, was er von digitalen Büchern (eBooks) hält, was er und seine Kollegen der "Generation Internet" zu bieten haben und welche Pläne er für den Kulturpalast hat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.10.2012

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